Leseempfehlung „Auf zur neuen Freiheit“

Nora Bossong schreibt in ihrem ZEIT-Blog Freitext vom Dreikönigstreffen der FDP über die Notwendigkeit des politischen Liberalismus als „Politik der Toleranz und des Respekts […], verbunden mit furchtloser Weltoffenheit“ und ob die ein bisschen erneuerte FDP diesen Liberalismus verkörpern kann und wird. Ich lese die leise Hoffnung darauf aus ihrem Text. Eine leise Hoffnung, die ich teile.

http://www.zeit.de/freitext/2015/01/09/fdp-liberalismus-nora-bossong/

Lesenswert allemal, auch für diejenigen, die den politischen Liberalismus als Strömung in der deutschen Parteienlandschaft schon abgeschrieben haben.

Leseempfehlung „Hört den Experten zu“

Patrick Bernau schreibt in der FAZ schlaue Worte über die Ökonomen und die Politiker, die entweder nicht, oder nicht genug oder nicht genau zuhören, was die Experten zu sagen haben.

Patrick Bernau: „Hört den Experten zu”

Zum Ende schreibt er:

Doch manchem Spitzenforscher ist es bis heute gleichgültig, ob der Rest der Gesellschaft sich für seine Arbeit interessiert. Diese Forscher überlassen die öffentliche Diskussion anderen, die manchmal weniger qualifiziert sind.

Die Leserkommentare darunter zeigen eindeutig warum es einigen Ökonomen völlig egal ist, was die Öffentlichkeit über ihre Arbeit denkt. Mit ignoranten Besserwissern, die die eigene Arbeit als „Pseudowissenschaft“ bezeichnen und sich nicht auf eine Debatte einlassen, sondern sich stattdessen auf absolute Standpunkte zurückziehen, will ich auch nicht reden. Zur Wissenschaft – bei all den wissenschaftlichen Schwächen der Volkswirtschaftslehre – gehört nicht nur, dass die Forscher gewissenhaft arbeiten sondern eben auch, dass den Forschern prinzipielles Vertrauen entgegengebracht wird – ein jeder von uns hat sich bei seiner Forschung etwas gedacht. Freilich ist keine Arbeit perfekt, sondern bietet immer Ansatz für berechtigte Kritik. Aber diese Kritik ist wissenschaftlich anzubringen. Aber wenn man als Ökonom prinzipiell als Scharlatan angepöbelt wird, vergeht selbst dem motiviertesten Forscher schnell die Lust und die Freude an der öffentlichen Debatte.

Bernau hat recht, dass wir Ökonomen unsere Ergebnisse stärker in der Öffentlichkeit debattieren müssen; allerdings nur wenn die Öffentlichkeit auch ein Ohr dafür hat.

Leseempfehlung: “NBER Summer Lectures”

Über einen Tweet von @MarkThoma bin ich auf einen Blogartikel von Francis X. Diebold gestoßen, der die – wohl nicht ganz so bekannten – NBER Summer Lectures verlinkt hat.

Das NBER veranstaltet jeden Sommer ein Summer Institute über (zumeist) ökonometrische Methoden und hat die Vorträge samt Präsentationen online zur Verfügung gestellt. Dort, wo die Vorlesungen über Vimeo bereitgestellt werden, sind sie wohl auch als Download verfügbar, um sie offline – etwa im Zug – anzuschauen.

http://www.nber.org/econometrics_minicourse_2013
http://www.nber.org/econometrics_minicourse_2012
http://www.nber.org/econometrics_minicourse_2011
http://www.nber.org/econometrics_minicourse_2010
http://www.streamingmeeting.com/webmeeting/matrixvideo/nber/index.html
http://www.nber.org/minicourse_2008.html
http://www.nber.org/minicourse3.html

Die Vorlesungsreihe ist wohl insbesondere für fortgeschrittene Masterstudenten oder Doktoranden interessant, weil vieles einfach vorausgesetzt wird.

Ein bisschen weitergeklickt: Auch die Fed hat solche Lectures bei Vimeo: http://vimeo.com/album/2509117

Leseempfehlung „Das FDP-Problem der Demoskopen“

Im Cicero schreibt der Mainzer Politikwissenschaftler Thorsten Haas über statistische Ungenauigkeiten und das Problem eine „gute“ Stichprobe zu erwischen. Er erwähnt den Begriff Konfidenzintervall nicht, aber es ist genau das Problem, das er beschreibt.

Haas: Das FDP-Problem der Demoskopen

Während die Wahlumfragen (oder generell alle Umfragen und statistischen Erhebungen) den Eindruck von präzisen Messungen erwecken, wird dabei gerne unter den Tisch gekehrt, dass die präsentierten Zahlen selbst zufällig sind und eine gewisse Schwankungsbreite haben.

Prof. Haas erklärt das Problem anhand der Umfragewerte der FDP. Aber es gilt natürlich genauso für alle anderen Parteien. Nur wer versteht, was Haas schreibt, ist überhaupt in der Lage Umfragen (oder generell Statistiken) korrekt zu bewerten. Eigentlich ist es traurig, dass das mathematisch-statistische Wissen im Volk als so gering eingeschätzt wird (wie groß ist der Fehler?), um einen solchen Artikel zu rechtfertigen. Daran ist aber nicht nur die bedauernswerte Mathe-Unlust oder „schlechte“ Schulbildung schuld. Maßgebliche Verantwortung tragen auch Nachrichtensendungen, Zeitungen und im Rahmen der Bundestagswahl auch die Meinungsforscher: Würden diese jeweils das Konfidenzintervall oder wenigstens die Standardabweichung angeben, wäre schon viel geholfen.

Leseempfehlung: „The Price Is Wrong“

Kein halbwegs ökonomisch interessierter Mensch kann einen Artikel mit einer solch provokanten Überschrift ignorieren, selbst wenn der Artikel von Paul Krugman kommt.

Krugman: The Price Is Wrong

Krugman schreibt über den amerikanische Abschwung und präsentiert zwei, sich gegenseitig ausschließende Alternativen. Natürlich hält er die “Wir müssen mehr Geld ausgeben”-Alternative für die richtige – nichts anderes war zu erwarten. Es sei der Preis des Gelds, die erwartete Inflation und damit der reale Zins, der falsch ist und nicht etwa der Preis der Arbeit, der nominale Lohn.

Er übersieht dabei, dass etwas ganz anderes in den USA falsch läuft und das hat nichts mit den Preisen zu tun, die sehr wohl korrekt sind. Würde meine Regierung sich im Dauerstreit selbst über kleinste Kleinigkeiten befinden, ich würde als Unternehmer auch nichts investieren.

Es geht hier weniger um das Sparen-wollen als vielmehr um das Ausgeben-können. Die Politik ist durch ihr ständiges Gezeter dafür verantwortlich, dass sich die Wachstumsaussichten getrübt haben. Ähnlich wie in Europa sorgt die politische Unsicherheit für fehlende Investitionen. Und das hat tatsächlich sowohl angebotsseitige als auch nachfrageseitige Auswirkungen.

 

Leseempfehlung „The swamps of DSGE despair“

Noah Smith schreibt auf seinem Blog Noahpinion über die Unzulänglichkeiten von DSGE-Modellen. Nun ist es vielleicht etwas vermessen von einem Studenten der VWL, die Lastesel der modernen Makroökonomik zu kritisieren – aber Smith schreibt über den DSGE-Ansatz genau das, was ich mir schon immer dachte: Zu komplex, zu beliebig, zu stark vereinfacht.

Noahpinion: The swamps of DSGE despairs

Besonders ein Absatz hat es mir angetan: Dort schreibt er über eine Alternative, nämlich das Konzept der Meteorologen zu klauen.

[…] I’d suggest incorporating these reliable microeconomic insights into large-scale simulations (like the ones meteorolgists use to forecast the weather); in fact, any DSGE model that incorporates all of the actual frictions we find is likely to be so complicated, and so full of multiple equilibria in the full nonlinear case, that it demands this kind of approach.

Jahrzehntelang haben wir Ökonomen versucht, wie die Physiker zu werden. Vielleicht hätten wir eher versuchen sollen, wie die Meteorologen zu werden. Immerhin untersuchen diese, genau wie wir, ein hochkomplexes, interdependentes, (chaotisches?), rückgekoppeltes System. Anstatt die Wirtschaft mit eleganter Mathematik zu lösen, ist es vielleicht zielführender es mit brachialer Rechengewalt zu versuchen.

(via @zopolan)

Leseempfehlung: „Beware the Big Errors of ‘Big Data’“

Bei Wired schreibt Nassim Nicholas Taleb – erstaunlich unpöbelig und gesittet – über die Fallen von Big Data, über Signal to Noise und über die immer wahrscheinlicher werdenden scheinbaren Korrelationen.

Taleb: Beware the Big Errors of ‘Big Data’

Interessant ist seine Behauptung, dass die Zahl der scheinbaren Korrelationen überproportional mit der Datenmenge steigt. Ich  weiß zwar, dass die Zahl der möglichen Korrelationen bei $$n$$ Variablen mit $$tbinom{n}{2}$$ überproportional wächst, aber ist das der Grund für Talebs Behauptungen?

Kennt jemand statistik-theoretische Abhandlungen über das Phänomen?

Leseempfehlung: „Low money multiplier does not justify ultra easy monetary policy“

Sober Look schreibt über den Geldmarktmultiplikator und wo sich die Inflation neuerdings versteckt, wenn sie nicht in den Löhnen steckt.

Sober Look: Low money multiplier does not justify ultra easy monetary policy

Seine Analyse bezieht sich zwar auf die USA, aber für Europa gilt das ähnlich. Unsere Geldmarktmultiplikatoren sehen ziemlich genauso aus. Vielleicht ist Europa sogar noch gefährdeter, weil die Inflationsmaßzahl – der Harmonisierte Index der Verbraucherpreise, HICP – die Preisentwicklung von Immobilien nicht berücksichtigt. Insbesondere solcher Immobilien, die von vom Eigentümer selbst bewohnt werden.

Was meinst Du? Hat Sober Look Recht oder ist das Gerede über Inflation bei den niedrigen Multiplikatoren nur Panikmache? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

Leseempfehlung: „Steigt der Anteil der Armen in Deutschland?“

Kolja Rudzio schreibt in der ZEIT einen besonnenen und unaufgeregten Artikel zur Armut in Deutschland, wie sie gemessen wird und wie die Ergebnisse fehlinterpretiert oder sogar missbraucht werden.

Lesenswert für Ökonomen und Statistikfans und für Linke jeder Coleur, die über den Tellerrand hinausblicken wollen.