Jeder Durchschnitt hat seine Verteilung

Das ist eine grundlegende Wahrheit, die jeder Schüler mit der ersten Berührung von Statistik lernt. Dennoch halte ich es für notwendig es noch einmal zu wiederholen. Hinter jedem Durchschnitt, jedem Mittelwert, jedem Erwartungswert steckt eine dazugehörige Streuung und Verteilung. Von daher ist es zumindest im mathematischen Sinn nutzlos einfach nur Durchschnitte zu betrachten ohne deren Varianz mit einzubeziehen.

Will man nun aus ökonomischer Erkenntnis heraus eine politische Entscheidung treffen, so ist man gut beraten diese alte statistische Wahrheit zu beachten. Im aktuellen Economic Focus des Economist wird der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Chris Sims mit einem Aufsatz von 2002 zitiert, in dem er schreibt, letzten Endes könnte die Finanzierung von Staatsschulden mittels Anleihekäufen der Zentralbank und schließlich auch Inflation billiger sein als die Zahlungsunfähigkeit.

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Die Taube

Von wegen geldpolitischer Falke. Von wegen Preuße. Von wegen der beste Mann, den Europa hat.

Signore Draghi, ich bin schwer enttäuscht. Sie haben nicht nur mein Vertrauen in Sie persönlich als würdiger Präsident der Europäischen Zentralbank verspielt, sondern auch mein Vertrauen in die EZB und den Euro schwer erschüttert.

Wer drei Tage nach Amtsantritt mit der Politik des Vorgängers bricht, alle Beteuerungen auf Geldwertstabilität zu achten Makulatur werden lässt, der zeigt, dass ihm nicht zu trauen ist. Das alleine ist schon schwerwiegend genug. Aber als Zentralbankchef geradezu fahrlässig.

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Finger weg vom Inflationsziel

Es gibt da draußen eine Gruppe von – durchaus namhaften – Politikern und Ökonomen, die offen fordern, die EZB möge ihr Inflationsziel von knapp unter 2% über Bord werfen und Inflationsraten von 4-6% zulassen, um die Schuldenbekämpfung zu erleichtern. Darunter befinden sich Ökonomen wie Olivier Blanchard und Kenneth Rogoff. Dass auch ein ZEIT-Kolumnist vor drei Jahren in das selbe Horn stieß bestätigt mich nur in meiner Meinung über die ZEIT. Continue reading Finger weg vom Inflationsziel

Warum die einheitliche Geldpolitik gut für Europa ist

Heute morgen habe ich in der FAZ einen sehr guten Kommentar zur europäischen Geldpolitik gelesen. Die Analyse ist scharf und richtig, aber leider nicht die Konsequenz. Holger Steltzner kommt zur Einsicht, dass der einheitliche Zinssatz sei für ganz Europa gefährlich, da die unterschiedlichen Länder unterschiedliche Zinssätze benötigten.
Herr Steltzner stellt damit die Währungsunion zur Disposition.
Aus mehreren Gründen ist eine einheitliche Geldpolitik gut und wichtig für Europa. Zum einen aus ganz praktischen Gründen, weil ohne einheitliche Zinsen es plötzlich “deutsche”, “französische”, “italienische” und “griechische” Euros gäbe und damit Arbitrage möglich wäre (Kaufe billige Griechen-Euros, verkaufe teure Deutsch-Euros). Zum anderen würde der Anreizeffekt wegfallen. Der Erfolg des Euros liegt unter anderem darin begründet, dass die Mitgliedsstaaten der Währungsunion nicht mehr ihre Schulden weginflationieren können. Ein Euro-Land muss allein aus monetären Anreizen heraus eine saubere und nachhaltige Haushaltspolitik verfolgen. Klar tut das den Griechen und Spaniern weh, aber dafür profitieren Sie auch vom Wegfall des Wechselkursrisikos. Die Griechen haben es offensichtlich einigermaßen verstanden und beginnen ihren Haushalt aufzuräumen. Ebenso die Italiener, wo Silvio Berlusconi das Renteneintrittsalter heraufgesetzt hat. Ohne geldpolitischen Anreiz wären diese Maßnahmen nie passiert.
Ja, niedrige Zinsen machen die deutsche Wirtschaft sehr wettbewerbsfähig, auch auf Kosten von anderen Europartnern. Die Antwort kann aber nicht sein, dass sich Deutschland zurückhalten oder dass es unterschiedliche Zinssätze geben soll. Die Antwort kann nur sein, dass die Fiskal- und Wirtschaftspolitik der anderen Euro-Länder die eigene Wettbewerbsfähigkeit heraufsetzt. Weniger Neuverschuldung, Haushaltskonsolidierung, Bürokratieabbau, Steuervereinfachungen sind hier die richtigen Instrumente.
Entweder macht ein Staat mit bei der einheitlichen Währung mit einheitlicher Geldpolitik, oder eben nicht. Wem der Euro zu “hart” ist, der soll austreten. Mit allen Folgen.