Zum Stand des Fachs

Seit kurz vor Silvester erst im UniSpiegel ein Bericht über VWL-Studenten zwischen Vorlesungsstoff und Realität “Versagen der Uni-Ökonomen: Warum bringt uns keiner Krise bei?” und zwei Tage später im Fazit-Blog eine Antwort von Reiner EichenbergerDer modernen Ökonomik geht’s besser denn je” erschienen ist, findet in der deutschen Blogosphäre eine Debatte statt über die Art und Weise, wie in Deutschland die akademische Ökonomik betrieben wird. Auf der Ökonomenstimme gab es bald darauf die nächste Replik “Haben die Uni-Ökonomen versagt?” von Rüdiger Bachmann. Von da an meldeten sich die üblichen Twitterer, Journalisten, und Wirtschaftsblogger zu Wort. Es fehlt aber bisher die Meinung des – von einigen “autistisch” genannten – Ökonomennachwuchses. Ich möchte hier zumindest eine solche Meinung kundtun. Continue reading Zum Stand des Fachs

Existance – Miles Apart EP [cut009]

Cut Records nähert sich dem ersten größeren Meilenstein. Die neunte Veröffentlichung “Miles Apart EP” von Existance hängt die qualitative Messlatte für kommende Musik noch ein Stückchen höher. Munter spielt Existance hier mit den Genres und pfeift auf gängige Abgrenzungen.

Der Titelgeber “Miles Apart (Concepts)” beginnt entspannt mit balearischen Gitarren und sanften Vocals wie es auf einer Café del Mar nicht besser sein könnte. Aber mit dem Beat weiß der geneigte Hörer, dass es inzwischen nicht mehr 1998 ist, denn wo man mit einem klassischen Loungebeat rechnet, perlt Dubstep aus den Lautsprechern. Nicht aufdringlich, nicht düster, sondern die wie ich finde logische Weiterentwicklung von Chillout/Lounge.

Nummer zwei “Uninhabitated” zitiert die ähnliche Fusion aus Lounge und Dubstep, doch hier ist der Fokus eher in Richtung Tanzfläche denn Sofa verschoben. Es dominiert klar der Dubstep, ohne aber die Lounge-Atmosphäre zu stören.

Mit “Pelennor Fields” endet die kleine EP sehr entspannt. Jazz Akkorde auf dem Klavier mischen sich über den Beat. Dazu kommen Synthesizersounds, die man sonst eher auf den jüngeren Alben von Schiller hört, als in der Netaudioszene.

Leider endet hier die Fahrt bereits nach guten 13 Minuten. Ich warte auf die nächsten Veröffentlichungen von Existance, denn “Miles Apart” ist eine wirklich hörenswerte kleine EP mit tollen Ideen. Wenn man eine Genrebezeichnung vergeben wollte, obwohl Existance hier bewusst die Grenzen verwischt, es wäre wohl Loungestep. Aber lassen wir die Wortklauberei sein und die Musik für sich sprechen.

Anspieltipp: Miles Apart (Concepts)

Die Bonitätsherabstufung war abzusehen…

… und ist darüber hinaus ein rein politische Sache.

Es passt zur verzerrten Realitätswahrnehmung europäischer Politiker, jetzt über die Herabstufung von neun Euroländern zu schimpfen, neue Regeln zu verlangen und sich völlig missverstanden zu fühlen. Falsch ist es trotzdem.

All das Geschrei über die Bonitätsherabstufung ist nur das Bellen des getroffenen Hundes. S&P hatte im September angekündigt bald eine Korrektur der Bonitätsbewertung vorzunehmen. Es kann mir keine erzählen, man wäre völlig überrumpelt und überrascht. Das ist der billige populistische Versuch, unbeliebte Projekte wie EFSF und ESM dem Wähler schmackhafter zu machen, indem man die “Schuld” für deren Einführung oder Aufstockung den ach so bösen und herzlosen Ratingagenturen in die Schuhe schiebt.

Das ist alles Unsinn. Die Ratingagenturen sprechen nur aus, was die Riskabteilungen der Banken, Versicherungen und Fonds alle schon wissen. Frankreich ist kein AAA wegen der dummen Aussagen von Francois Hollande, die Beschlüsse des Ministerrates zum Euro nach seiner Wahl kippen zu wollen. Österreich ist kein AAA, weil es viel zu stark im strauchelnden Ungarn engagiert ist. Die USA ist kein AAA, weil sich Demokraten und Republikaner nicht mal auf winzigste Dinge einigen können. Und die EFSF? Nun ja, offiziell hat sie das AAA noch, aber S&P hat schon zu erkennen gegeben, dass sie entweder die Garantiesumme senken muss oder die verbliebenen AAA-Länder der Eurozone eine höhere Garantie übernehmen müssen [1]. Wenn ich dann an den Schlamassel der ersten Anleiheauktion zurückdenke, auf der die EFSF ihre eigenen Papiere kaufen musste, um den gewünschten Zins zu erreichen, dann glaube ich nicht, dass die EFSF ihr AAA noch lange wird halten können. Vermutlich denkt man in den Riskabteilungen genauso. Aber ob die damit einverstanden sind, dass die EFSF nicht AAA sein muss, weil “AA+ auch kein schlechtes Rating ist” ? [2]

Interessant ist allerdings zu sehen, was die Gründe für die Herabstufung waren. Überall sind es politische Probleme und Dysfunktionalitäten, nicht so sehr die ökonomischen Schwierigkeiten, die zur Herabstufung führten. Erneut beweist S&P, dass die Krise politischer, nicht wirtschaftlicher Natur ist. Doch anstatt zu reagieren und die notwendigen Schritte zu ergreifen, spielt die Politik lieber Rumpelstilzchen. Märkte, Spekulanten und Ratingagenturen geben wegen ihrer Anonymität auch ein viel besseres Ziel ab als die Politik selbst.

Dabei liegt die Lösung so nahe: Griechenland muss den Zahlungsausfall (mit echtem Kreditereignis) erklären und in der Eurozone verbleiben. Das griechische Bankensystem und besonders verletzbare Banken in anderen Euroländern werden mit der EFSF geschützt. Die Länder der Eurozone einigen sich auf einen Plan zur Schuldenkonsolidierung, z.B. den Schuldentilgungsfonds nach dem Vorschlag der Wirtschaftsweisen und schreiben sich selbst harte Budgetregeln in die Verfassung. Das wird die Märkte beruhigen und Italien, Spanien & Co. können bald die Schulden überwälzen.

Doch dieser Plan ist seit gestern schwieriger, weil die EFSF nicht mehr so stark ist. Je länger die Politik untätig bleibt oder – schlimmer noch – bereits beschlossene und richtige Maßnahmen wieder in Frage stellt, desto schwieriger und teurer wird es aus der Krise herauszukommen. Ich traue es der Politik nicht zu, die notwendigen Schritte zu gehen. Denn dazu müsste man eingestehen, dass der bisherige Weg falsch war.

Fotowanderung in Darmstadt

Matthias, einer der BTSH‘ler, hat für den 21. oder 28. Januar zu einer Foto-Winterwanderung bei Darmstadt eingeladen. Bisher sind laut Doodle 13 Fotobegeisterte aus Südhessen dabei. Matthias schreibt auf seiner Homepage:

Du hast Interesse am Fotografieren und bist gerne in der Natur unterwegs? Dann könnte das etwas für Dich sein! Ganz egal ob Du mit einem Handy, einer Kompakt- oder Spiegelreflexkamera, digital oder analog fotografierst, Einsteiger oder Amateur bist kannst Du bei dieser Wanderung nette Leute kennen lernen, Dich mit anderen über das Thema Fotografie austauschen oder einfach ein paar Stunden draußen sein und winterliche Landschaften fotografisch festhalten. Ich lade Dich hiermit zum Mitmachen ein! [1]

Ich bin natürlich auch dabei und freue mich nicht nur darauf schöne – hoffentlich verschneite – Bilder zu machen, sondern auch darauf die Leute vom BTSH wiederzusehen. Wenn Du Lust hast mitzumachen, dann trag Dich in den Doodle ein, folge Matthias auf Twitter und beobachte den Hashtag #wiwada.

Finanztransaktionssteuer ist falsch

Deutsche Börse in Frankfurt am Main (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:RIMG0080.JPG)

Alle Überlegungen zur Finanzmarkttransaktionssteuer in all ihren Ausprägungen kranken an einem bestimmten Punkt. Am zentralen Punkt.

Die (implizite) Prämisse ist dabei, dass Spekulation schlecht ist. Allerdings ist das Gegenteil korrekt. Die Spekulation sorgt für das Funktionieren des Preismechanismus, für das Schließen der risikofreien Arbitragemöglichkeiten und für die Räumung zu Marktes. In dieser Reihenfolge. Besteuert man nun die Spekulation, dann stört man diese Mechanismen. Der Preismechanismus greift nicht mehr vollständig, die Arbitragemöglichkeiten schließen sich langsamer und ermöglichen länger risikofreie Gewinne und der Markt wird ineffizienter geräumt. Freilich kommt zu einem Gleichgewicht. Aber eines mit wenigeren, größeren Akteuren und höheren Handelsvolumina. Die Informationsasymmetrie nimmt zu, die Marktmacht des einzelnen nimmt zu und die Volatilität der Märkte nimmt zu.

Als indirekte Effekte kommen vor allem die gesunkenen Abheckungsmöglichkeiten für Anleger hinzu. Ein Anleger ist auch jemand, der einen Bausparvertrag oder eine Lebensversicherung hat. Diese werden durch die geringeren Möglichkeiten der Risikoabheckung weniger Rendite abwerfen, was die Anleger zur Portfolioumschichtung zwingen wird, hin zu riskanteren Anlagen. Paradoxerweise wird eine Finanztransaktionssteuer genau das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich tun soll.

Egal von welcher Seite aus betrachtet: Eine Finanztransaktionssteuer ist Unsinn.

Was meinst Du? Kann eine Finanztransaktionssteuer doch helfen? Habe ich ein Argument übersehen? Ich freue mich auf Deine Kommentare!

Kein Jamaika mehr an der Saar

Symbol des Saarlands

Heute mittag ging es durch Twitter. Die Jamaika-Koalition unter Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im Saarland ist zerbrochen. SR-Online schreibt:

In Saarbrücken nannte [Frau Kramp-Karrenbauer] die seit Monaten anhaltenden Zerwürfnisse innerhalb der FDP-Landtagsfraktion und der FDP Saar als ausschlaggebend für diese Entscheidung. [1]

Frau Kramp-Karrenbauer hat in der Pressekonferenz gesagt, dass sie mit der SPD über die Bildung einer neuen Landesregierung sprechen will, es also keine Neuwahlen an der Saar geben soll.

War das Zufall…

Es ist in meinen Augen kein Zufall, dass diese Meldung ausgerechnet zum Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart und auch noch präzise während der Rede von Philipp Rösler über die Ticker geht. Die parteiinternen Querelen der Saar-FDP als Grund für den Regierungsbruch anzuführen halte ich für vorgeschoben. Parteiinterne Streitigkeiten werden in Deutschland immer als Sache der jeweiligen Partei beschrieben, die unter keinen Umständen die natürlich bisher hervorragende Arbeit der jeweiligen Regierung beeinflusst. Es gibt keinen logischen Grund dafür, warum es jetzt anders sein sollte. Außer natürlich, die Streitigkeiten innerhalb der Saar-FDP waren nur eine willkommene Ausrede, um die Koalition zu wechseln. Dieser Gedanke wird der Vater der Idee gewesen sein. Continue reading Kein Jamaika mehr an der Saar

Ein unrühmliches Stück

Ich habe mir gestern Abend zur Primetime das Interview mit Bundespräsident Wulff angesehen. Durch die #Wulffleaks (Danke!) wusste ich zwar schon was der Tenor war, aber ich wollte es doch vollständig sehen. Herr Wulff sollte die Gelegenheit bekommen mir – einem seiner Bürger – zu erklären, was genau passiert ist und was ihn dazu bewogen hat zu handeln, wie er es tat.

Nun, Fehlanzeige. Die Deutschen sahen einen trotzigen Schulbuben, der sich mit unsicherer, kieksender Stimme und Allgemeinplätzen herauszureden versucht, obwohl er genau weiß, dass er Mist gebaut hat. Christian Wulff beweist erneut, dass er ein unbeholfenes Verhältnis zur Medienlandschaft Deutschlands im 21. Jahrhundert hat. Alleine das Interview nur den beiden großen Staatssendern zu geben, die Privatsender und das Netz außen vor zu lassen, ist schon ziemlich tollpatschig. Was wäre so schwierig gewesen, bei Google anzurufen und das Interview auf Youtube streamen zu lassen? Was wäre so schlimm daran gewesen, auch die privaten Fernsehsender einzuladen? Was wäre so schlimm daran gewesen, die Bundespressekonferenz zu bitten, dem Präsidenten die Möglichkeit zur Erklärung zu geben?

In meinen Augen war es der Versuch Herrn Wulffs sich als Opfer einer unfairen Kampagne gegen ihn und seine Freunde darzustellen. Zur besten Sendezeit und exklusiv. Das Erste und das ZDF haben sich zur Selbstdarstellung instrumentalisieren lassen. Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf degradierten sich selbst zu Stichwortgebern dieses Trauerspiels – und haben das vermutlich noch nicht einmal gemerkt.

Christian Wulff hat insofern recht, dass es auch einem Politiker und Bundespräsidenten möglich sein muss Freunde zu haben und auch bei ihnen zu übernachten. Wie albern wäre es denn, würde ich übernachtenden Freunden morgens eine Rechnung präsentieren? Vielleicht mag Frau Schausten das anders sehen, aber ich wage mal zu behaupten, dass sie in ihrer Sichtweise recht einsam ist.

Zweifellos dürfen Freundschaften nicht die Amtsführung beeinflussen. Ob Christian Wulff sich hat beeinflussen lassen oder gegen Gesetze verstoßen hat, ist ausschließlich vor Gericht zu klären. Da die Staatsanwaltschaft keine Ermittlungen aufgenommen hat, gehe ich von der Unschuld des Präsidenten aus.

Der Grund warum Herr Wulff dennoch das Amt des Bundespräsidenten nicht ausfüllen kann und es niederlegen sollte ist dagegen ein völlig anderer. Es hat nichts mit unbewiesenen Vorwürfen gegen ihn zu tun, sondern mit seiner feudalen Art mit den Vorwürfen umzugehen. Nur soviel zuzugeben, wie eh schon bekannt ist, über Anwälte mit dem Volk zu reden, sich in Kleinigkeiten und Details verheddern, Drohanrufe bei Journalisten zu tätigen, in der Weihnachtsansprache business as usual zu üben, sich hinter Ausreden zu verstecken und sich selbst als das Opfer einer Hetzkampagne zu inszenieren: Das alles ist eines Bundespräsidenten unwürdig.

Selbst wenn Herr Wulff heute von der Erleuchtung getroffen wird und versteht, wo der Haken ist und in aller Form bei den Bürgern um Entschuldigung bittet, seine Glaubwürdigkeit und seine präsidiale Aura – so er letztere überhaupt je hatte – sind dahin. Auch wenn die Affäre beendet wird, kann er die Deutschen nicht mehr in ihren Herausforderungen der nächsten Jahre begleiten.

Das ist der Grund, warum Herr Wulff als Bundespräsident zurücktreten sollte.

VA – Ruter Compilation / Edits [ru12]

Neues aus Mexiko. Auf Ruter ist eine kleine Sample-EP “Ruter Compilation / Edits” erschienen. Sechs zumeist housige Tracks von eher bekannten und eher unbekannten Künstlern der Netaudioszene.

Leider ist gleich der erste Titel ein Reinfall. “Roads” von Jiony  ist nur nerviges Gefiepe und Gedudel. Einfach überspringen und sich “Never gonna let you go” von Love Bites anhören. Wunderbarer Deep House mit viel Groove und – für Netlabel Veröffentlichungen leider noch recht ungewöhnlich – Gesang. Gewürzt wird mit Rhodes und einem ziemlich fetten Electrobass. Macht Laune.

Es geht weiter mit “Hold It Attach It Connect It” von Nalé García, der voll auf die Tanzfläche zielt. Treibende Beats gehen gut nach vorne bis nach knappen anderthalb Minuten mit dem Bass auch der Housegroove einzieht. “Hold It Attach It Connect It” wandert auf dem schmalen Grat zwischen Tech und Deep House und zitiert frech Disco. Schickes Teil. Nummer vier im Bunde ist “Something” von Rubinskee, den wir vom ebenfalls mexikanischen Netlabel Konfort kennen. “Something” mutet wie eine Collage aus Soundschnipseln und Samples an, was es wohl auch ist. Deutlich zitiert Rubinskee den Funk und Soul der 1970er Jahre, mischt aber einen sehr modernen Housebeat darunter. Vielleicht der eigenwilligste, aber auch schillerndste Titel der EP.

Wizer lässt in “You’re My Everything” auch den Sound der 1970er einziehen. Unterlegt wird das ganze mit einem beinahe dubtechnoiden Beat, bis der Four-to-the-floor-Rhythmus zum Breakbeat mutiert. Ganz dunkler House. Vielleicht eher für die Kopfhörer als für die Tanzfläche.

Mit “Wilhelms Scream” von Xixa endet Ruters kleine Compilation wieder recht funky. Zwischen Deep House, Disco und Electrofunk glitzert und funkelt sich der Abschlusstitel über die Tanzfläche, durch die tanzende Menge hinaus in die Nacht.

Anspieltipp: Nalé García – “Hold It Attach It Connect It”

Zur Causa Wulff

Standarte des Bundespräsidenten

Ich habe in den letzten drei Wochen, seit Bekanntwerden der Affäre, nichts über die Causa Wulff geschrieben, um den nötigen zeitlichen Abstand zu gewinnen. Aber inzwischen sind so viele Dinge rund um den Bundespräsidenten geschehen, dass ich doch meine Meinung kundtun will.

Die einzelnen Akte der Privatkreditaffäre sind wohl hinreichend bekannt, dass ich sie nicht noch einmal aufzählen muss. Es geht auch weniger um die eigentlichen Verfehlungen des Christian Wulff, sondern vielmehr um das politische Selbstverständnis des ehemaligen niedersächsichen Ministerpräsidenten und des Bundespräsidenten und die Art und Weise, wie mit der Öffentlichkeit umgegangen wird. Continue reading Zur Causa Wulff