Merkels und Sarkozys Pläne für Europa sind nicht schlecht

Wenn man sich nicht von den Kampfbegriffen »Wirtschaftsregierung«, »Finanzmarkttransaktionssteuer« und »Steuerharmonisierung« ablenken lässt, sondern mal nüchtern auf das schaut, was Angela Merkel und Nicolas Sarkozy tatsächlich vereinbart haben, dann fällt einem auf:

Das ist ja gar nicht so übel.

Doch immer hübsch der Reihe nach. Zuallererst ist es sehr gut von den beiden, gemeinsam, besonnen und unaufgeregt eine Agenda vorzulegen. Das zeigt politische Führungsstärke ohne nationale Animositäten. Das Signal an die Märkte ist klar: Wir lassen uns den Euro nicht kaputtmachen. Endlich kommt ein solches Signal.

Die wohl wichtigste Übereinkunft ist, dass Frankreich eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild in seine Verfassung schreiben will. Wer mich kennt, oder meinen Blog etwas länger verfolgt, der weiß, dass das eine meiner Hauptforderungen ist, um zukünftige Schuldenkrisen zu verhindern. Die FTD schreibt

“Zudem fordern Merkel und Sarkozy die Verankerung einer Schuldenbremse in den Verfassungen aller Mitgliedsstaaten. Diese sollten die Parlamente noch vor Herbst 2012 beschließen.” [1]

Auch wenn ich es – als Liberaler – befremdlich finde, anderen Ländern ebenfalls eine solche Schuldenbremse vorschreiben zu wollen, ist es wohl doch das sinnvollste Instrument und ich begrüße es sehr, dass Herr Sarkozy das wohl inzwischen auch verstanden hat.

Was die gemeinsame Wirtschaftsregierung unter Führung des EU-Ratspräsidenten van Rompuy betrifft, wird das wohl allerdings wieder ein typisch europäischer zahnloser Tiger sein. Aber immerhin sitzt man zusammen und muss vielleicht seltener als bisher die Position des jeweils anderen aus der Presse lesen.

Viel besser finde ich da schon die angekündigte Steuerharmonisierung. Die geht nämlich in die richtige Richtung: Nach unten für Frankreich. Frau Merkel bestand zu Recht darauf, dass die steuerliche Belastung für deutsche Unternehmen nicht angehoben werden darf.

“Künftig sollen für Firmen aus beiden Ländern vergleichbare Steuersätze und Bemessungsgrundlagen gelten. Eine stärkere Belastung deutsche Unternehmen solle aber dabei vermieden werden, sagt Merkel. In Frankreich müssen die Unternehmen zurzeit höhere Steuern abführen.” [2]

Auch die Angleichung der Berechnungsmethoden für das Wirtschaftswachstum ist eine längst überfällige Idee. Eigentlich ist es traurig, dass die Formelsammlungen der nationalen Statistikämter nicht schon mit der Gründung der Währungsunion angeglichen wurden, um die nötige Vergleichbarkeit und Transparenz der Daten zu gewährleisten. Naja, besser spät als nie.

Die zweite Hauptsache des Treffens ist aber die klare Ablehnung von Eurobonds. Das Thema wird zwar auch unter Ökonomen heiß diskutiert, aber mit dieser Geisterdebatte ist jetzt wohl hoffentlich Schluss. Frau Merkel und Herr Sarkozy stellen sehr richtig fest, dass die gemeinsame Schuldenverantwortung eher zum Abschluss der Integration als zu Beginn kommen könnte.

„Vielleicht kann man sich in Zukunft irgendwann am Ende eines Prozesses der europäischen Integration solche Bonds vorstellen“, sagte [Sarkozy]. „Aber nicht zu Beginn.“ Ansonsten würden ausgerechnet die Länder gefährdet, „die heute die besten Ratings haben“. [3]

Guter Lesestoff zum Thema Eurobonds gibt’s auch hier: Im Gespräch: Finanzwissenschaftler Clemens Fuest – „Mit Eurobonds würde der Rubikon überschritten“

Aber ein Wermutstropfen bleibt: Vermutlich als Gegenleistung für die französischen Zugeständnisse soll eine Finanzmarkttransaktionssteuer eingeführt werden. Warum so eine Steuer Käse ist steht im Handelsblatt:

“Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen wirtschaftswissenschaftliche Studien, mehrere haben gezeigt, dass durch höhere Transaktionskosten, also auch durch eine Besteuerung der Transaktionen die Liquidität in den Märkten sinkt. Dieser Verlust an Geschäftsvolumen aber führt dazu, dass die besteuerten Transaktionen eher stärker schwanken, der Markt also volatiler wird und somit anfälliger für Spekulationen. Wissenschaftler haben dies bereits 2006 empirisch an der Pariser Börse ermittelt.” [4]

Besonders große Umsetzungschancen räume ich dem Projekt sowieso nicht ein, da Großbritannien und vermutlich auch die Schweiz nicht mitmachen werden. Die sind zwar beide keine Euroländer – die Schweiz ist nicht mal EU-Mitglied – aber starke Börsenplätze. Und kein europäisches Parlament wird einem Projekt zustimmen, dass den Handel an der Börse nach London oder Zürich schiebt und damit außerhalb der eigenen Kontrolle.

Alles in allem bin ich positiv überrascht. Ich hatte das übliche Gerede erwartet, aber es kam doch Handfesteres. Nun sollten den Worten Taten folgen.

Ich bezweifle allerdings, dass sich die Märkte davon beruhigen lassen, immerhin wurde nichts zur akuten Problemlösung gesagt. Ich bleibe dabei, dass nur ein Default der Peripherie die nötige Ruhe bringt, um sich ernsthaft über die Zukunft der Eurozone unterhalten zu können. Dieser Default wird wehtun und wird den EFSF und damit die Haushalte von Deutschland, Frankreich & Co. belasten. Aber schlimmer wäre das unkontrollierte Auseinanderbrechen der Eurozone. Daher sollten Merkel und Sarkozy nach diesen mittel- und langfristigen Plänen auch die akuten Probleme behandeln. Je eher sich die Erkenntnis durchsetzt, dass ein Ende mit Schrecken besser ist, als ein Schrecken ohne Ende, desto besser.

Firefox und der RSS-Button

Und ich hab mich schon gewundert, wo der RSS-Feed Button hingekommen ist. Leider meinte Mozilla wohl, RSS sei total 2010 und hat den Button standardmäßig aus der Oberfläche von Firefox ab Version 4 verbannt.
Glücklicherweise kann man sich den Button ziemlich simpel wieder herbei holen:
Rechtsklick irgendwo in die Werkzeugleiste -> “Anpassen” wählen. Jetzt öffnet sich ein Fenster mit jeder Menge mehr oder weniger sinnvoller Knöpfchen, die man in die Werkzeugleiste ziehen kann. Unter anderem auch der RSS-Button. Firefox erkennt automatisch ob in den <meta>-Tags der jeweils aktiven Website RSS-Feeds hinterlegt sind und bietet an diese zu abonnieren.
Wenn man jetzt einen externen Feedreader statt den Dynamischen Lesezeichen von Firefox verwenden möchte – unter Linux z.B. Liferea oder Akregator – dann kopiert man einfach nur noch die Adresszeile des Feeds und fügt ihn im Reader seiner Wahl ein.

Ausprobieren kann man das z.B. mit den Feeds von Bens kleinem Blog. 🙂

Das globale Geldsystem Teil 3 – Verschuldung und Schuldenkrisen

Die aktuelle Krise in Europa und die Beinahe-Krise in den USA haben eines gemeinsam. Es sind Schuldenkrisen. In Europa hat sich die Schuldenkrise in der so genannten „Peripherie“ zu einer Währungskrise oder Eurokrise entwickelt – auch wenn die Zentralbank und die Regierungen immer noch von einer Schuldenkrise sprechen.

Die Eurokrise nahm ihren Ausgangspunkt in der Wirtschaftskrise von 2008/09. Strikt gesprochen handelt es sich um zwei getrennte Krisen, die allerdings in kausaler Abhängigkeit stehen. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, die Wirtschaftskrise hätte die Eurokrise ausgelöst. Vielmehr hat die Wirtschaftskrise die Probleme Griechenland, Portugals und Irlands nur früher aufgedeckt, doch auch ohne die Wirtschaftskrise wäre die Zahlungsunfähigkeit dieser Länder früher oder später ans Licht gekommen.

Was ist nun genau eine Schuldenkrise? Vereinfacht gesagt, eine Schuldenkrise tritt dann auf, wenn Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Landes bestehen oder wenn die Zahlungsunfähigkeit deklariert wurde – der oft erwähnte Default. In den Medien geistern auch die Begriffe „Staatspleite“ oder „Staatsbankrott“, aber der ökonomisch korrekte Begriff ist Insolvenz. Vom Konzept von der Insolvenz zu trennen ist die Illiquidität, wobei ein Staat nur temporär Probleme hat, weil zum Beispiel eine Naturkatastrophe eingetreten ist aber die Verschuldungsstruktur insgesamt stabil und nachhaltig ist.

Ja, es gibt nachhaltige Verschuldung. Ein Land hat genau dann eine nachhaltige Verschuldung oder ist solvent, wenn die abgezinsten zukünftigen Einkommen größer oder gleich den zu leistenden Rückzahlungen und Zinsen entsprechen. Das Problem ist, dass dieses Gleichgewicht von vielen unsicheren Faktoren abhängt, z.B. Zinsen und erwartete Wirtschaftsleistung. Nehmen wir Griechenland als Beispiel. Die Wirtschaftskrise hat die erwartete Wirtschaftsleistung gesenkt. Damit ist auch die Höhe der nachhaltigen Schulden Griechenlands gesunken, während natürlich die tatsächliche Verschuldung gleich hoch geblieben ist. Unterschreitet die erwartete Wirtschaftsleistung nun die kritische Grenze, ist der Staat insolvent auch wenn seine Verschuldung gar nicht steigt oder sogar fällt. Es kommt also nicht auf die Höhe der Verschuldung an, sondern auf das Gleichgewicht mit der erwarteten Wirtschaftsleistung. Genau das ist bei Griechenland, Portugal und Irland gekippt.

Insbesondere wird eine Verschuldung dann problematisch, wenn keine einmaligen Projekte zur Leistungssteigerung (etwa ein Hafen, eine Autobahn, ein Kraftwerk, etc.) mit Schulden finanziert wird, sondern wenn laufende Ausgaben des Staates nur durch die Aufnahme von neuen Schulden als Ablösung von auslaufenden Schulden gedeckt werden können, wenn der Staat also gezwungen ist Schulden aufzunehmen. Das ist mittlerweile in so ziemlich allen entwickelten Volkswirtschaften der Fall – auch in Deutschland. Wir alle leben über dem was wir uns eigentlich leisten können. Das geht solange gut, wie die erwartete Wirtschaftsleistung nicht sinkt und die Zinsen für neue Schulden nicht ansteigen. Und als wäre das nicht schon genug bedingen sich diese beiden gegenseitig: Steigen die erwarteten Zinsen sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung und, sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung müssen Staaten höhere Zinsen als Prämie für neue Schulden zahlen. Eine solche Spirale kann ziemlich schnell in der Katastrophe enden.

Wenn Schulden also so gefährlich sind, warum nehmen Staaten dann immer mehr davon auf und setzen nicht alles menschenmögliche daran die Verschuldung abzubauen? Weil Schulden unheimlich praktisch sind: Man kann Wohltätigkeiten verteilen ohne sich politische Prügel für Steuererhöhungen abholen zu müssen. Die Rechnung bezahlt man morgen. Und natürlich verspricht die Regierung auch mit dem Schuldenmachen aufzuhören und die Schulden pünktlich und vollständig zurückzuzahlen. Wenn die nächste Wahl gewonnen ist, kann man sich ja eine Ausrede einfallen lassen, warum es notwendig ist, mit dem Schuldenabbau noch ein Weilchen zu warten. Dieses Problem – die heutige optimale Handlungsstrategie unterscheidet sich von der morgigen optimalen Handlungsstrategie – nennen wir Ökonomen Zeitinkonsistenz. Um diesem Problem in Bezug auf Verschuldung Herr zu werden, gibt es eigentlich nur die Möglichkeit eines absoluten Verschuldungsverbots. Die deutsche Schuldenbremse ist da ein wirklich gutes Instrument, weil es Verfassungsrang hat und nicht durch ein simples Gesetz geändert werden kann. Deswegen ist die Schuldenbremse geeignet heute glaubwürdig zukünftige Schulden auszuschließen.

Dummerweise wird man auch mit einer Nettoneuverschuldung von Null seine alten Schulden nicht los und muss alte Kredite durch neue ablösen. Solange die (öffentliche) Gesamtverschuldung eines Landes nicht ebenfalls Null ist, droht theoretisch die Zahlungsunfähigkeit. Zugegeben, einige Verschuldungshöhen sind realiter ungefährlich (z.B. Luxemburg mit Staatsschulden in Höhe von 14% des BIP), aber dennoch halte ich es für geboten auch die bestehende Schuldenlast abzubauen. Dazu muss die Regierung eines Landes zunächst einen Haushaltsüberschuss aufweisen, was mit Steuererhöhungen und Senkungen der Staatsausgaben erreicht werden. Für Deutschland halte ich eine Senkung der Staatsausgaben für den sinnvolleren Weg, aber die Details darüber würden diesen Beitrag sprengen.
Bei all der Wichtigkeit von Schuldenabbau sollten die Sparpakete nicht die Wirtschaft eines Landes abwürgen – Rezessionen machen die Schuldenlast nur noch schlimmer. Ganz im Gegenteil, Länder mit Schuldenkrisen wie Griechenland müssen alles daran setzen zu wachsen. Für die oben erwähnte „Peripherie“ des Euroraumes sehe ich aber keine Möglichkeit aus den Schuldenkrisen herauszuwachsen. Da helfen auch kein Rettungsschirm und keine Eurobonds. Auch wenn es bedeutet, dass ihnen der Zugang zum Kapitalmarkt auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte versperrt bleibt, müssen Griechenland, Portugal und Irland die Zahlungsfähigkeit erklären und so ihre Schuldenlast verringern. Wer etwas anderes behauptet, verschließt sich vor der Realität.

Webcamprobleme in Ubuntu Natty

Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund streikt unter Ubuntu Natty meine Webcam (Bus 001 Device 002: ID 05a9:2640 OmniVision Technologies, Inc. OV2640 Webcam). Ein bisschen googlen bringt zum Vorschein, dass die Kamera durch das Modul uvcvideo angesprochen wird, was unter Natty wohl ab und zu (bei mir eher immer) nicht geladen wird.
Abhilfe schafft nur das manuelle entladen und neuladen des Moduls. Das kann man natürlich automatisieren. Immerhin.
Wenn man folgende Zeilen in die /etc/rc.local einfügt, wird das Modul beim Systemstart automatisch neu geladen.

## Workaround for webcam issue
#unload webcam module
rmmod uvcvideo
#reload it
modprobe uvcvideo

Wenn man diese Befehle erstmal in einer Konsole ausprobieren möchte, bevor man sie in rc.local einträgt, muss man natürlich noch ein sudo davor setzen. Aber rc.local wird sowieso mit Rootrechten ausgeführt, daher ist sudo im Skript nicht notwendig.

Das globale Geldsystem Teil 2 – Triffins Dilemma

Wenn man über das globale Geldsystem, Ungleichgewichte und die Implikationen von Staatsschulden redet, dann fällt früher oder später der Name Robert Triffin und das nach ihm benannte Dilemma. Ursprünglich bezeichnete es einen Fehler im Bretton-Woods-System, aber nach dem Zusammenbruch des BWS 1973 hat man festgestellt, dass Triffins Dilemma damit nicht auch unterging.
Das BWS war ein System fester Wechselkurse mit dem US-Dollar im Zentrum. Als monetärer Anker diente dabei Gold und die Verpflichtung der USA unbegrenzt Gold und Dollar gegeneinander einzutauschen; im festen Verhältnis von $35 pro Feinunze Gold. Robert Triffin bemerkte, dass diese Konstellation instabil war. Diese Instabilität ergab sich aus der Rolle des US-Dollars als internationale Reserve. Da der Dollar unbegrenzt, unbedingt und zum festen Kurs in Gold eingetauscht werden konnte, galten Anlagen in Dollar “as good as gold”. Die Zentralbanken
des BWS hielten also keine Goldreserven, sondern viel einfacher zu handhabende Dollarreserven, das meiste davon als US-Staatsanleihen.
Um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten und damit auch den amerikanischen Firmen Geschäftsmöglichkeiten zu geben mussten die USA dem Liquiditätsbedarf der Weltwirtschaft gerecht werden, also immer mehr Staatsanleihen herausgeben, um den anderen Zentralbanken die
Besicherung ihrer Geldmengen zu ermöglichen. Mit der Zeit wurde deutlich, dass das VErsprechen der Eintauschbarkeit zu Gold unhaltbar war. Zum Ende des BWS waren nur noch etwa 5% der Dollarreserven tatsächlich durch entsprechende Goldvorräte gedeckt. Der Dollar hätte eigentlich gegenüber Gold und den anderen Währung des BWS abwerten müssen. Mit dem Ende der Eintauschbarkeit 1971 brach das BWS binnen zwei Jahren zusammen. Das “risikolose” Anlageinstrument US-Staatsanleihe, das als “as good as gold” galt, war nicht risikolos.
Eine ähnliche Situation sehen wir heute, auch ohne feste Wechselkurse und ohne Gold. Der US Dollar als Weltleitwährung bietet seinen Nutzern enorme Netzwerkeffekte. So ziemlich jeder auf der Welt akzeptiert US Dollar, also hat man einen großen Anreiz in Dollar zu handeln. Oder im Falle von Zentralbanken, die eignenen Fremdwährungsreserven in Dollar zu halten. Erneut muss also die USA dem Liquiditätsbedarf der Welt nachkommen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Erneut wird das als risikolos empfundene Ankerinstrument sehr wohl risikobehaftet. Triffins Dilemma hat erneut zugeschlagen.
Nach der Abstufung der US-Kreditwürdigkeit durch S&P auf AA+ sind wir in der kuriosen Situation, dass der monetäre Anker nicht mehr die beste Bonität hat. Praktisch zeitgleich sind die Renditen deutscher Staatsanleihen gesunken. Drei Tage sind kaum ein ausreichender Zeitraum, um ein Umschwenken des Marktes auf einen anderen Anker feststellen zu können, aber dennoch sollten wir in diesen Zeiten auch bisher Undenkbares in Betracht ziehen. Welche Folgen hätte es, wenn deutsche Staatsanleihen auf einmal eine bedeutendere Ankerrolle spielen würden als bisher? Würde Triffins Dilemma dann auf Deutschland zutreffen? Und wie würden sich die Politikmöglichkeiten in einer Währungsunion darstellen?
Ist das alles ein Argument dafür, das ganze Fiatgeld abzuschaffen und zum Gold als Deckung zurückzukehren? Nein, ganz klar nicht. Man ersetzt nur einen instabilen Anker durch einen anderen. Ob nun die US-Staatsanleihen risikobehaftet sind und nicht mehr als Anker taugen oder Gold ist einigermaßen egal. Mögliche Auswege aus Triffins Dilemma werde ich in einem der kommenden Artikel darstellen.

Audiophil – Call Myself [phoke72]

Endliche komme ich mal dazu die neue Phonocake – Nummer 72 – zu hören. Audiophil gibt einen Longplayer zum besten, den man mit gutem Gewissen als modernen Pop einordnen kann. Kein weichgespültes Radiogedudel sondern Lieder mit Ecken und Kanten über halb elektronischen, halb akustischen Beats. “Call Myself” ist eines dieser Alben, die niemand in der Netlabelszene erwartet, aber die dennoch so gut passen, dass sich jeder fragt, warum es so lange gedauert hat, bis es erschien.

Das Album beginnt mit dem entspannten “A lake in the desert”, das mich ein bisschen an Tori Amos erinnert. Entspannt, vielschichtig, beim ersten Hören vielleicht verwirrend, aber immer besser je öfter man es hört. “Things will change” brettert wie ein Popsong von Lily Allen mit Electrobeats und Akustikgitarre. Das könnte auch im Radio laufen. Im gleichen Stil geht es weiter mit “Enter the surface” und “Searching for You”: tanzbare Beats mit  Pollyx’ sanfter Stimme.
“Turn Back” – das Halbzeit-Intermezzo – zitiert Gangsta-Rap Beats mit schweren Streichern. Mit knappen zwei Minuten für mich kein volles Lied, eine schöne Überleitung zu “Touched me”. Hier gibt es wieder schwere Streicher über einem groovenden Shufflebeat. Ganz groß! Wenn auch ein bisschen kurz.
“Stuck in routines” beginnt sanft, geht aber bald in treibenden Electro über. Großes Bassfeuerwerk für die Tanzfläche, das genauso plötzlich endet, wie es begann. In die gleiche Kerbe haut “Eaglewolf”. Wenn man’s nicht besser wüßte, würde man Timbaland hinter den Reglern vermuten, so sehr quietscht, brettert und rummst es hier.
Schwere Klavierakkorde erklingen in “Forget the time we had”. Bald kommen verschwurbelte Beats und rezitativer Gesang. Für mich der Tiefpunkt des Albums, nichts halbes und nichts ganzes.
Melancholisch-herzzerreißend beginnt “When the day breaks up”, um doch schnell in Electro-Beats zu flüchten. Ein wunderbarer Mix aus Akustikballade, Electroknaller und Pophymne. Grandios!
Knappe anderthalb Minuten dauert das Electrogeschwurbel “Snow steps”, mit dem “Call myself” nach elf Titeln endet.

“Call Myself” ist ein reifes Album, das mit vielen tollen Popsongs und tanzbaren Beats glänzt. Da sind die Schwachpunkte des Albums schnell vergessen. Ein ganz großer Moment für Audiophil und Phonocake im Speziellen und Netlabels und Freie Musik im Allgemeinen.

Download “Audiophil – Call myself” bei archive.org
Anspieltipp: “Things will change”

Das globale Geldsystem Teil 1 – Einführung

Am Samstag früh (MESZ) hat Standard & Poor’s Konsequenz bewiesen und nach der Warnung vom 18. April 2011 tatsächlich die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten herabgestuft und auch den Ausblick auf negativ belassen.
Die USA ist zwar mit dem AA+ Rating nach wie vor ein hervorragender Schuldner, also werden die fundamentalen Auswirkungen wohl eher gering sein. Die USA muss sich aber mit höheren Refinanzierungskosten abfinden. Das sollte den Druck auf die Politiker erhöhen, endlich den Schuldenabbau ernst zu nehmen.
Dennoch könnte die Abstufung stärkere Effekte haben, als die Fundamentaldaten erwarten lassen würden. Der Verlust des AAA für die weltgrößte Volkswirtschaft ist eben etwas anderes als die Herabstufung einer kleinen Volkswirtschaft oder eines kleinen Unternehmens. Das liegt zum einen natürlich am Ausmaß der Verflechtung der USA in die Weltwirtschaft, zum anderen aber auch an der Struktur es Internationalen Geldsystems. Ähnlich wie in der Ära des Bretton-Woods-Systems basiert es auf einem zentralen Anker: Im BWS war es das unbedingte, vertraglich festgeschriebene Dollar-Gold-Verhältnis von $35 für die Feinunze Gold; heute ist an diese Stelle die US-Staatsanleihe getreten. Trotz aller strukturellen und rechtlichen Unterschiede zwischen dem BWS und dem aktuellen System ist doch eine Gemeinsamkeit frappierend: Die (vermeintliche) Risikolosigkeit des Ankers. Das BWS zerbrach an Triffins Dilemma, als US-Präsident Nixon 1971 gezwungen war die unbedingte Eintauschbarkeit von Dollar und Gold zu beenden. Man versuchte noch zwei Jahre lang das System am Laufen zu halten, doch mit dem Wegfall des Ankers, war das BWS nicht zu retten.
Eine strukturell ähnliche Situation erleben wir zur Zeit. Mit der Abstufung der Amerikanischen Staatsanleihen verlieren diese das Gütesiegel “Risikolos”. Zwar sind keine Anleihen – und auch sonst nichts – absolut sicher, aber bisher galten US-Staatsanleihen als hinreichend sicher, um als Anker des weltweiten Geldsystems zu dienen. Die Herabstufung – bis vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar – oder der drohende Zahlungsausfall – ebenfalls undenkbar bis Juli 2011 – hinterließen tiefe Kratzer an der Glaubwürdigkeit des Ankers. Etwas schlimmeres kann einer Anleihe (oder einer Währung) nicht passieren. Selbst wenn die Fundamentaldaten nach wie vor gar nicht so schlecht für die USA aussehen, können es doch die Erwartungen sein, die Amerika in eine neue Rezession zwingen oder – bis vor kurzem ebenfalls undenkbar – den Dollar als Weltleitwährung stürzen. Beides wäre fatal für die Weltwirtschaft, zumindest in der kurzen Frist. Vielleicht erwächst daraus aber langfristig ein stabileres globales Geldsystem.
Dies ist der Anfang einer Serie von Blogbeiträgen zum globalen Geldsystem. Ich werde mindestens noch zu Triffins Dilemma, den Sonderziehungsrechten, Globale Wirtschaftspolitik und Verschuldung bloggen. Wer noch eine Idee hat, soll mir Bescheid sagen 🙂

Coface-Arena in Mainz

Letzte Woche habe ich die neue Coface-Arena in Mainz besucht und dabei Witziges entdeckt.

Eine moderne “Arena” mit Brot und Spielen. Gut, dass die Spiele nicht mehr so blutig sind wie im alten Rom. Aber dem Senate und dem Volke Roms hätte man die Ehre doch korrekt erweisen können 🙂

Und einer der witzigsten Hydranten, den ich je gesehen habe. Ich hoffe er bleibt mehr eine Dekoration und muss nie zum Einsatz kommen.