Zum Stand des Fachs

Seit kurz vor Silvester erst im UniSpiegel ein Bericht über VWL-Studenten zwischen Vorlesungsstoff und Realität „Versagen der Uni-Ökonomen: Warum bringt uns keiner Krise bei?“ und zwei Tage später im Fazit-Blog eine Antwort von Reiner EichenbergerDer modernen Ökonomik geht’s besser denn je“ erschienen ist, findet in der deutschen Blogosphäre eine Debatte statt über die Art und Weise, wie in Deutschland die akademische Ökonomik betrieben wird. Auf der Ökonomenstimme gab es bald darauf die nächste Replik „Haben die Uni-Ökonomen versagt?“ von Rüdiger Bachmann. Von da an meldeten sich die üblichen Twitterer, Journalisten, und Wirtschaftsblogger zu Wort. Es fehlt aber bisher die Meinung des – von einigen „autistisch“ genannten – Ökonomennachwuchses. Ich möchte hier zumindest eine solche Meinung kundtun.

Nun hat der UniSpiegel – in typisch reißerischer Spiegel-Manier – Herrn Bachmann einige bösartige Worte in den Mund gelegt, über die er zu Recht nicht glücklich ist. Aber in gewisser Weise stimmt das ihm in den Mund gelegte. Wer Ökonomik betreiben will oder sich in der Debatte ordentlich beteiligen möchte, der braucht ein gewisses Rüstzeug. Zu diesem Rüstzeug gehört zum einen das wirtschaftswissenschafliche Vokabular zum anderen aber auch eine grundlegende Kenntnis, wie die Ökonomik ihre Probleme prinzipiell löst und welche Modelle es gibt. Und zweifellos gehört zu diesem Wissen über die Modelle auch das Wissen über deren Schwächen, Unzulänglichkeiten und unrealistische Annahmen. Erst dann kann man überhaupt sinnvoll über Ökonomik diskutieren. Auch und gerade über die Sinnhaftigkeit von Modellergebnissen oder Annahmen. In der Tat muss jemand, der über Ökonomik mehr als nur auf Stammtischniveau diskutieren möchte, zunächst die Sprache lernen. Übrigens eine Tatsache, die für jede Wissenschaft gilt, nicht nur für die Ökonomik.

Ja, das Modell der vollständigen Konkurrenz ist eine völlig unrealistische Sache. Aber es ist geeignet prinzipielle Zusammenhänge ohne viel Schnickschnack zu erklären. Ja, der homo oeconomicus ist eine völlig unrealistische Annahme, aber auch er taugt dazu gewisse Wesenszüge der Menschen unter gewissen Umständen zu beschreiben. Wenn auch bei weitem nicht alle. Ja, die konstante Sparquote im Solow-Modell ist unrealistisch, aber es war auch das erste Modell dieser Art und seitdem sind zig aufgemotzte Solow-Modelle mit endogenem Sparverhalten aufgetaucht. Ja, vollständige Information ist unrealistisch, deswegen arbeitet die moderne Mikroökonomik mit stochastischen Modellen, mit Friktionen, mit Unwissen. Aber will man Studenten im ersten Semester wirklich gleich an die Grenze der Forschung bringen? Sicher nicht. Es ist nicht die vereinfachende Annahme, die gefährlich ist, sonder wenn diese bei der Interpretation vergessen wird.

Selbst ein Masterstudent, ein Doktorand oder sogar ein Professor beschäftigt sich zunächst mit der abstrakten, simplen, unrealistischen Variante eines Modells, das dann sukzessive immer komplexer wird, während Annahmen fallen gelassen werden oder zusätzliche Dynamik eingebaut wird. Ein solches Unterfangen ohne Mathematik durchführen zu wollen ist bestenfalls gewagt, wohl aber eher töricht. Ich bin der festen Überzeugung bin, dass man moderne Ökonomik nicht unmathematisch betreiben kann, auch wenn der Wirtschaftsphilosoph da anderer Meinung ist. Verbale Argumentation ist gut und notwendig, aber nicht hinreichend für eine Theorie mit Substanz. Aber ebenso sehr müssen gute Ökonomen ihre analytischen Erkenntnisse auch wieder in Prosa verpacken können. Mathematik und stringente verbale Argumentation bedingen sich gegenseitig und sind gleichermaßen essentiell für die moderne Ökonomik.

Nun ist die Mathematik ein zweischneidiges Schwert. Sie ermöglicht es klar und strukturiert ökonomische Zusammenhänge zu beschreiben und zwingt uns dazu einen dynamischen Prozess bis zu Ende durchzudenken und durchzurechnen. Die Wirtschaftsprognosen wären ohne die mathematische Ausübung der Ökonomik völlig undenkbar. Jedoch birgt die Mathematik auch die Gefahr das eigentliche Ziel einer ökonomischen Aussage aus den Augen zu verlieren. Zu groß ist die Versuchung sich in analytischen Modellen zu vergessen und den Realitätsbezug zu verlieren. Ein gutes Beispiel dafür ist in der Tat der Artikel „A Theory of Prostitution“ [1], der von Matthias Binswangers Replik „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“ zu Herrn Bachmann in der Ökonomenstimme als Negativbeispiel angeführt wird – auch wenn der Rest des Artikels von Herrn Binswanger am eigentlichen Thema vorbeigeht.

Hier sollte die Kritik ansetzen. Es ist weniger die Mathematik in der Ökonomik, die Probleme bereitet, es ist vielmehr die Interpretation der Modelle. Die akademische Ökonomik sollte viel kritischer sein, viel eher zugeben, dass – bei allem Erkenntnisfortschritt – das Unwissen doch sehr hoch ist. Ich persönlich kann mich nicht beschweren. Meine Professoren und Übungsleiter weisen meine Kommilitonen und mich kritisch auf die Schwächen der Modelle hin. Zumindest empfinde ich das so. Um auch hier wieder Kritik zu äußern: Vielleicht ist meine Sichtweise auch verzerrt, weil ich ein besonders kritischer Zeitgenosse sein mag.

Wohlgemerkt: Kritizismus und Skeptizismus um ihrer selbst willen sind eher schädlich, da sie dazu führen die Erkenntnisse des Fachs als Humbug abzutun. Das ist eine Tendenz, die ich bei einigen meiner Kommilitonen, auch bei der Selbstdarstellung des Arbeitskreises „Postautistische Ökonomie“, feststelle. Die Ökonomik und das Studium wird als rückständig, voller Monstranzen und unnötigem mathematischen Schnickschnack wahrgenommen, als etwas, durch das man sich durchquälen muss, wo man nur weiter kommt, wenn man dem Dogma der Neoklassik huldigt.

Nun ist sicherlich hier und da ein Körnchen Wahrheit dabei, besonders wenn ich an die volkswirtschaftlichen Fakultäten anderer Universitäten blicke oder von dort erzählt bekomme. Doch aufgrund dieser Einzelbeobachtungen auf eine generelle Unzulänglichkeit der akademischen Ökonomik zu schließen, ist wohl ein klarer Fall von Selection Bias.

Es täte der Ökonomik sowohl in der Außenwirkung als auch nach innen sehr gut, wenn sich die Professoren eher aus der Deckung wagen würden und sich im öffentlichen Diskurs für unsere Wissenschaft und die von ihnen verwendeten Methoden einsetzen würden. Wird diese Debatte zivilisiert geführt, profitiert die Ökonomik als Ganze. Zu sehr wird gerade die wirtschaftspolitische Debatte in der Öffentlichkeit von Politikern, Lobbyisten, selbsternannten Philosophen und Journalisten geführt – bis auf ehrenswerte Ausnahmen, Menschen, deren Ausbildung keine ökonomische ist. In einem solchen Umfeld ist es natürlich einfach, unwissenschaftliche, unhaltbare und schlicht falsche Aussagen zu treffen und den entrückten, weltfremden Ökonomen die Schuld für die Krise zuzuschieben. An diesem Punkt muss ich den Wirtschaftswurm relativieren, der die Krise der Ökonomik in seinem Artikel „Zum Versagen der Uni-Ökonomen“ nicht für ein „Kommunikations- und PR-Problem“ hält. Die Außendarstellung ist meines Erachtens nach zumindest ein Teil des Problems. In der zugegebenermaßen etwas entrückten Universität lässt es sich gut forschen, doch die Ökonomik mit dem Anspruch Phänomene der echten Welt zu erklären, muss sich nach draußen wagen und ihre Konzepte, Methoden und Erkenntnisse – auch und gerade wenn sie schwierig, technisch und unbequem sind – im öffentlichen Diskurs verteidigen.

Die von den 12 Studierenden der Volkswirtschaftslehre an der Uni Tübingen und Wirtschaftswurm bemängelte fehlende Methodenvielfalt und methodische Monokultur sehe ich nicht. Ich erlebe die akademische Ökonomik jeden Tag als vielschichtig und kontrovers. Ob das jetzt in den Vorlesungen, Übungen, dem Brown Bag Seminar oder in meinen eigenen Tutorien ist: Da wird diskutiert, debattiert, Ideen eingebracht und jeder freut sich über wohlmeinende, konstruktive Kritik. Die Debatte ist keineswegs ausschließlich neoklassisch, immerhin forscht mit Prof. Wälde ein angesehener Emotionsökonomen in Mainz.

Wenn man Fachartikel liest, fällt dagegen die Dominanz der Neoklassik durchaus auf. Mir fallen spontan zwei Gründe für diese Dominanz ein. Es könnten Netzwerkeffekte im Spiel sein: je mehr neoklassisches geschrieben wird, desto eher wird über neoklassisches geschrieben, weil es mehr Ansätze gibt. Oder aber, die Neoklassik hat einfach recht und ist der Denkansatz der Ökonomik, der die meisten Fragen beantworten kann. Auch mit all ihren Schwächen ist die Neoklassik wohl genau deswegen die vorherrschende Schule, weil sie alle neueren Ansätze in ihren Arbeitsrahmen integrieren konnte; ihre grundlegenden Konzepte können so umformuliert werden, dass sie Irrationalität, Opportunismus, unvollständige Information abbilden können. Anders als in der Gravitationsphysik sind in der Ökonomik bisher keine sich gegenseitig ausschließenden Ansätze wie Stringtheorie und Quantenschleifengravitation aufgetreten. Was einige als Methodenstreit sehen, ist daher in meinen Augen allenfalls ein kleines Geplänkel. Aber die Ökonomik unüberwindbar in „Autisten“ und „Postautisten“, in „gläubige Mainstreamopfer“ und „unverstandene Querdenker“ zu trennen, geht völlig an der Realität vorbei.

Literatur:
[1] Edlund. L. und E. Korn (2002). A theory of prostitution. Journal of Political Economy, 110 (1):181–214.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

8 Gedanken zu „Zum Stand des Fachs“

  1. „Ich bin der festen Überzeugung [], dass man moderne Ökonomik nicht unmathematisch betreiben kann, auch wenn der Wirtschaftsphilosoph da anderer Meinung ist.“ Das habe ich gar nicht geschrieben, sondern mich gegen eine Überbetotung häufig auch noch schlecht angewandter Mathematik gewandt. „So viel Mathematik wie nötig, so wenig wie möglich“, ist mein Motto, während etliche „so viel Mathematik wie möglich“ predigen, was erstens wenig mit Ökonomie zu tun hat (im doppelten Sinne) und dann zweitens doch nicht eingelöst wird (denn es gibt verdammt viele Arten von Mathematik und Ökonomen verwenden nur einen kleinen Bruchteil).

    „Verbale Argumentation ist gut und notwendig, aber nicht hinreichend für eine Theorie mit Substanz.“ Das hängt sehr von der Theorie ab. Ich schreibe demnächst einmal etwas zur großartigen Theorie von Ronald Coase, die man ganz ohne Mathematik verstehen kann. Umgekehrt ist reine Mathematik keine Ökonomik, es müssen immer ökonomische Inhalte bzw. Interpretationen hinzukommen, die sich nur verbal geben lassen.

    „Die Wirtschaftsprognosen wären ohne die mathematische Ausübung der Ökonomik völlig undenkbar.“ Mag sein, doch sie sind meistens trotzdem (oder deswegen?) falsch, insbesondere wenn sich etwas ändert.

    Zum Begriff ‚Neoklassik‘ (gehört auch zum Lernen der Fachsprache) siehe hier: http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2012/01/21/meine-abgrenzung-der-neoklassik/

    1. Dann sind wir uns ja eigentlich einig. Vielleicht habe ich Deinen Artikel etwas missinterpretiert. Ich teile deine Meinung „Soviel Mathematik wie nötig, so wenig wie möglich“, vermute aber, dass ich deutlich mehr Mathematik für nötig halte, als Du. Vielleicht verwenden wir Ökonomen ja auch die „falsche“ Art der Mathematik?
      Dass die Wirtschaftsprognosen „oft falsch“ sind, sehe ich nicht. Eine Wirtschaftsprognose ist für mich so etwas wie eine Wettervorhersage. Beide versuchen etwas über die Entwicklung komplexer (chaotischer?) Systeme in der Zukunft zu sagen. Dass das nicht hundertprozentig präzise ist, liegt in der Natur der Sache. Und die Prognosen, sowohl der Wirtschaft als auch des Wetters, sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden, was ich auf die bessere Datenbasis, präzisere und komplexere Modelle und mehr Rechenleistung der Computer zurückführe.

  2. Dass der neoklassische Ansatz aktuell immer noch am meisten erklären kann, glaube ich auch. Das heißt aber nicht unbedingt, dass er der beste Ansatz ist, sondern, dass er am besten erforscht und ausgebaut ist. Solche Beispiele wie die Theorie der Prostitution zeigen dann allerdings deutlich, dass die Neoklassik inzwischen an eine Grenze angekommen ist. Oder glaubst du, intelligente Menschen würden eine solche Theorie entwickeln, wenn es noch andere sinnvolle Forschungsanwendungen des neoklassischen Ansatzes gäbe?
    Ich glaube auch nicht, dass die Neoklassik durch zunehmende Komplexität zu retten ist. Im Gegenteil, die zunehmende Komplexität ist ein Zeichen von „Dekandenz“. Man erinnere sich: Im 16. Jahrhundert hatten die Ptolomäer sehr ausgefeilte, komplexe Modelle, mit denen sie den Lauf der Planeten und Gestirne besser berechnen konnten als die Kopernikaner. Der Reiz des kopernikanischen Modells mit der Sonne im Zentrum ging zunächst nur von seiner Einfachheit aus.

    1. Ich bin sofort dabei, wenn Du mit einem Modellrahmen um die Ecke kommst, der simpler ist als die gängigen neoklassischen Modelle und trotzdem alles (und noch mehr) erklären kann. Aber ich sehe es nicht. Und solange niemand mit dem ökonomischen Äquivalent des Heliozentrismus ankommt, bleibe ich beim althergebrachten Modellrahmen, wohl wissend, dass er Fehler hat. Vielleicht geht es nicht um zusätzliche, sondern um andere Komplexität.
      Klar muss man den Mut haben, sich einem „einfacheren“ aber besseren Modellrahmen zuzuwenden. Da spielen dann wieder die Netzwerkeffekte mit. Mit der ganzen Bloggerei hat die Ökonomik m.E. in den letzten Jahren aber schon viel an Debatte über Heterodoxien gewonnen. Wir sollten geduldig sein, was diese Debatten bringen. Auch der Heliozentrismus wurde nicht innerhalb von fünf Jahren die Standardweltanschauung. Oder um es mit Yoda zu sagen: „Geduld haben, Du musst. Offenbaren sich alles wird.“ 🙂

  3. Meiner Ansicht nach ist es die hohe Abstraktheit bereits vieler einfacher Ansätze der Mikroökonomie – (die makroökonomischen Grundlagen beruhen ja meistens noch auf den keynesianischen ad-hoc Ansätzen, mit denen sich zumindest Zeitreihen ex-post hervorragend betrachten ließen), die viele Studenten am Anfang ihres Studiums zum Verzweifeln bringen. Den „walrasian auctioneer“ kann sich jeder für den Fall eines Wochenmarktes noch ganz gut vorstellen – Komplizierter und auch in gewisserweise schwieriger für den mit offenen Augen durch die Welt gehenden, kritischen, jungen Studierenden ist die grundlegende Annahme der Markträumung, die in quasi allen Neoklassischen Modellen unterstellt wird. Dann geht man hin, trifft ein paar Annahmen, wie konvexe Präferenzmengen und eine stetige Überschussnachfragefunktionen, die sich in sich selbst abbildet und siehe da – dann zaubert man mit Brouwer’s Fixpunktsatz, den passenden Beweis (des 1. Wohlfahrtsgesetzes) hervor, dass es einen markträumenden Preisvektor geben muss, sodass Angebot und Nachfrage simultan im Gleichgewicht sind. Ob das nun so mathematisch (wie im 1. Jahr eines Masterprogrammes, oder Phd-Programs) aufgezogen wird, oder dies einfach in einführenden Büchern der Mikroökonomie erklärt wird – das ist ganz schön „heavy“ für jeden angehenden Ökonomen bzw. auf kritisches hinterfragen (und dazu fehlt am Anfang des Studiums einfach noch die mathematische Möglichkeit) gepolten Post-Abiturienten. Gerade das Thema der „Konvexität“ nimmt über seine enge Verknüpfung mit mathematischen Optimierungsproblemen eine derart wichtige Rolle ein, dass ich persönlich den Eindruck habe, ohne Konvexitätsannahmen (in bestimmten Bereichen wie Präferenzen, Assets, etc..) bricht das alles zusammen.

    Als stark empirisch angehauchter Ökonom, nehme ich mir immer wieder vor (bei aller sich immer mal wieder anbahnender Verzweiflung über auf den ersten Blick unrealistische Modelle) , diese Modelle als „Benchmark“ für das Arbeiten mit realen Daten zu benutzen. Oft reichen ja auch qualitative Modellaussagen, die sich empirisch sehr wohl belegen lassen und „in line“ mit dem Modell sind, um einer Theorie ihre Gültigkeit zu verschaffen. Ich wünsche mir von den deutschen Ökonomen, d.h. von unseren Professoren und Nachwuchswissenschaftlern, dass das große Bild wieder mehr in den Vordergrund gerückt wird. Die Ökonomie muss mit ihren Modellen wieder eine Geschichte erzählen können, So gut mittelgroße DSGE-Modelle für Zentralbank-Simulationen geeignet sind, sie waren nicht in der Lage, die massiven Verwerfungen auf den Finanz- und Interbankenmärkten zu erklären. Unter diesem Aspekt sei die aktuelle „Krise der VWL“ auch eine Chance, neue Erkenntnisse, für neue und bessere Modelle zu gewinnen.

    Um kurz noch auf die Kritik an einem zu mathematischen Studium aufzugreifen. Methodik ist sinnvoll, Methodik ist wichtig. Problematisch wird es, wenn ich Methodik erlerne, die ich nur erlerne um komplizierte Modelle zu lösen, deren Realitätsgehalt sehr gering ist. Darin unterscheidet sich auch eine solide Ausbildung in ökonometrischen Methoden (insbesondere Zeitreihentechniken und mikoökonometrischen Modellen) von rein mathematischen Methoden – z.B. das Lösen von nicht-linearen Differenzengleichungen erster Ordnung für Modelle ohne Staat, Geld, Unsicherheit und Märkte.(Das diese Techniken auch für die Zeitreihenmodelle von größter Notwendigkeit sind lässt der Autor an dieser Stelle galant unter den Tisch fallen, da ihm kein besseres Beispiel eingefallen ist 😉 )

    Der Frust des VWL-Studenten würde erheblich reduziert werden, wenn der Dozent wieder das ganze Bild zeichnet. Es gab in Mainz mehrere „alte“ Ökonomen, die jeden Zuhörer vollkommen ohne Mathematik in den Bann ziehen konnten. Wenn es dann mathematisch wurde, hatte man wirklich das Gefühl etwas wichtiges und sinnvolles zu lernen. Dies kommt in vielen „graduate“-Veranstaltungen leider viel zu kurz – Trotzdem ist dies natürlich aber in keiner Hinsicht mit den Tübinger Protestlern mit der akuten Matheschwäche zu vergleichen…Als ich den Artikel las, dachte ich nur „Gott sei Dank können diese Menschen ihr Studienfach wechseln“.

    1. Ja, Prof. Sauernheimer war schon ein echter Entertainer 🙂

      Das mit dem großen Bild ist so eine Sache. Wir Ökonomen sind wohl, genau wie die Physiker, auf der Suche nach einer Weltformel, aber ich halte es für ein nutzloses Unterfangen, diese Suche Top-Down aufzuziehen. Wir sollten kleine Teilbereiche erklären und diese dann zusammenfassen. Und wenn’s nicht passt, muss irgendwo ein Fehler sein. Mitunter kommen dann wohl auch schräge Sache in die Modelle, ähnlich wie die 11 eingefalteten Dimensionen der Stringtheorie. Wir müssen wohl damit leben, dass die Ökonomik keine „simple“ sondern eine hochkomplexe Welt beschreibt und dass auch die Modelle diese Komplexität abbilden werden. Auch wenn die Benchmarkmodelle richtig und wichtig sind, rein qualitative Aussagen reichen m.E. nicht immer. Aber insofern sollte man auch bei der Detailbetrachtung darauf achten, die richtige Einordnung in das „große Bild“ vorzunehmen.
      Zu Deiner Kritik an den mathematischen Annahmen: Ja, stimmt wohl. Aber da sehe ich noch ein ganz anderes Problem der ökonomischen Ausbildung, was aber zumindest in Deutschland wohl Tradition hat: Die Überfrachtung des VWL-Studiums mit betriebswirtschaftlichen Inhalten. Ob das jetzt das identische Grundstudium des BWL- und VWL-Diploms oder der allgegenwärtige WiWi-Bachelor ist, angehende Ökonomen verschwenden ihre Zeit mit Marketing-Auswendiglernerei, Jura für Anfänger und Buchführung des 19. Jahrhunderts, anstatt bessere mathematische und vor Allem optimierungstheoretische Grundlagen zu legen. Wer damit ein Problem hat, der sollte wohl besser überlegen, ob Ökonomik das richtige Fach ist.

  4. Hihi, unglaublich, ich hatte keine Ahnung, dass meine ehemalige Mikroökonomieprofessorin, [The]Evelyn Korn, sich mit Prostitution beschäftigt und darüber veröffentlicht hat. Das ist auch ein Kapitel aus dem Buch „Dein Thema kann gar nicht pikant genug sein, wenn du veröffentlicht werden willst“
    Was aber die Diskussion über den Sinn und Unsinn der gängigen Herangehensweise der VWL angeht: Ich denke, bisher wird diese noch zu dialektisch geführt: Entweder wir schmeißen die ganzen angestaubten Modelle über den Haufen oder wir lassen alles beim Alten.
    Ich kann die Frustration der Heidelberger Studenten durchaus verstehen, ging es mir doch in den ersten Semestern genauso. Die klassischen Konzepte der Mikroökonomie scheinen in der Tat zunächst nicht dazu geeignet, irgendwelche realwirtschaftlichen Phänomene zu erklären. Erst in höheren Semestern werden die Theorien verfeinert, ergänzt, mit anderen Annahmen versehen und in den Kontext gestellt. Irgendwann zwischen dem 5. und dem 6. Semester schien sich dann bei mir alles gewissermaßen zusammenzufügen wie ein Puzzle, in dem man zuvor nur Farbkleckse gesehen hat. Das Modell der vollständigen Konkurrenz mag auf die wenigsten Märkte auch nur annäherungsweise zutreffen, aber es ist sehr nützlich, um die realen Märkte mit diesem Ideal vergleichen zu können. Generell sind die meisten dieser mit unrealistischen Annahmen gespickten Modelle nützlich, um Tendenzen einschätzen zu können, in welche Richtung sich Variablen bewegen werden ect. Dass diese Modelle aber die Realität 1:1 abbilden würden und der Weisheit letzter Schluss seien, habe ich noch keine(n) VWL-Professor(in) sagen oder auch nur andeuten hören, genausowenig, wie irgendwelche normativen Aussagen aus der Kategorie: Die Märkte regulieren sich selbst, ergo ist jegliche Einwirkung unnötig bis destruktiv.
    Nicht zuletzt bauen neuere Ansätze, wie die Institutionenökonomik, auf dem Gerüst der klassischen Mikroökonomik auf. Auch eine möglicherweise falsche These kann als Stein, der Antithese und Synthese ins Rollen bringt, nützlich sein.

    Natürlich verlangt das dennoch 1. Semester Studenten, die mit VWL angefangen habe, um die gegenwärtige Krise (die Krisen…) zu verstehen, ziemlich viel Frustrationstoleranz ab, sich mit dem Hinweis zu begnügen: In ein paar Semestern klärt sich das alles auf.
    Hinzu kommt, dass ich mich auch schon in der Situation wiedergefunden habe, dass ich im 7. Semester VWL keine solide Antwort auf die Frage habe, was eigentlich passiert und welche Konsequenzen es hat, wenn ein Staat pleite geht und ob es besser ist, die Pleite mit allen Mitteln zu verhindern oder das Unvermeidliche seinen Lauf nehmen zu lassen.
    Und dann frage ich mich: Liegt das an mir, dass ich nicht die richtigen Schlüsse aus meinem Wissen zu ziehen weiß, oder fehlt da einfach noch ein wichtiges Teil vom Puzzle?

    Ich denke nicht, dass es eine Option ist, das mühsam aufgebaute Theoriegerüst über den Haufen zu werfen, aber eine Ergänzung z.B. in Form von Vorlesungen über die Geschichte des Ökonomischen Denkens, Phänomene der Wirtschaftsgeschichte und wie man sie theoretisch beschreiben kann, alles was eine Brücke zwischen Theorie und Realität schafft, fände ich sinnvoll. Auch mehr Einblick in aktuelle Forschungsarbeiten, „the frontier of science“, wie Harms es nennt, wäre motivationsfördernd.
    Was man allerdings vom Stundenplan streichen sollte, damit Platz für derartiges ist, kann ich auch nicht so genau beantworten 😉 Da fällt jedem Student sicherlich ein anderes Fach ein, welches er als die größte Zeitverschwendung erachtet.

    Die gegenwärtige Krise (bessergesagt die Serie von Krisen – wann kommt der Tag, an dem ich das Wort nicht mehr hören muss?) ist sicherlich nicht das Ende der VWL, wie wir sie kennen, aber scheint mir doch, als hätte sich eine Erklärungslücke aufgetan, die unumgänglich gefüllt werden wird. War es nicht auch das, was Keynes motiviert hat, seine eigene Theorie zu entwickeln, dass er mit den bestehenden Theorien die Große Depression nicht erklären konnte? Sein Beitrag hat jedoch in keinster Weise die Arbeit seiner Vorgänger obsolet gemacht.

    Es ist zwar immerwieder erschreckend und geradzu entmutigend, erkennen zu müssen, wie wenig wir trotz all der Zeit, die in das Erlangen von Wissen geht, tatsächlich wissen, aber das kann kein Grund sein, die Wissenssuche abzubrechen. Ebensowenig ist es immer angezeigt, die Richtung zu ändern, nur weil das Ziel entgegen der Erwartung noch nicht in Sichtweite ist.

    1. Oh, mir fällt einiges betriebswirtschaftliches im Bachelor-Curriculum ein, das man getrost streichen kann. Im Prinzip alles bis auf Operations und Wirtschaftsinformatik 🙂 Ich würde dahingehend wirklich die beiden Studiengänge BWL und VWL strikt trennen. Oder BWL gleich von der Uni verbannen, Aber das ist ein anderes Thema 🙂
      Erklärungslücke trifft es ziemlich gut. Die Frage ist, an welcher Stelle setzen wir an, um die offenen Fragen zu beantworten. Eine für mich logische Stelle wären die Erwartungen, die Integration von Banken und anderen Finanzintermediären in den großen Makromodellen und stärkere Verknüpfung von Wirtschaftsakteueren. Vielleicht müssen wir auch die liebgewonnenen kleine offene Volkswirtschaft ins Kinderzimmer verbannen. Griechenland, eigentlich ein Musterbeispiel für die SMOPEC, hält die ganze Welt in Atem. Vielleicht gibt es einfach keine Systeme, die klein genug sind, um isoliert betrachtet zu werden.
      Zur Erkenntnissuche: Ich glaube die zentrale Erkenntnis aller positiven Wissenschaften ist, dass es keine zentrale Erkenntnis gibt. Es geht immer weiter. Vielleicht in kleineren Schritten, aber ein Ziel gibts wohl nicht. Nur den Weg. 🙂

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