Wenn es unbedingt sein muss – dann nehmt Lohnuntergrenzen

Die neue Bundestagsmehrheit aus SPD, Grünen und Linken will ihn, die Union wird sich wohl nur halbherzig wehren, also wird der flächendeckende Mindestlohn wohl kommen. Die Frage ist nur, wie hoch wird er sein.

Karl Brenke vom DIW meint, man solle eher niedrig anfangen – mit 7 Euro. Er befürchtet Arbeitsplatzvernichtung, wenn abrupt ein vergleichsweise hoher Mindestlohn greifen würde. Laut Brenke könnte der Mindestlohn dann langsam angehoben werden, wenn erst einmal gezeigt wurde, dass es keine Arbeitsplatzverluste dadurch gibt. Die Studie des DIW zum Mindestlohn ist sehr differenziert und lesenswert.

Ich bin mir sicher, dass die DIW-Ökonomen daran gedacht haben die Lucas-Kritik zu beachten. Dennoch will ich nochmal darauf hinweisen. Es ist konzeptuell unmöglich mit Daten aus der Vergangenheit zu extrapolieren, was nach der Einführung eines Mindestlohnes passieren wird. Das liegt daran, dass sich die optimalen Handlungsmöglichkeiten von Arbeitnehmern und Unternehmen verschieben werden – wohin kann man bestenfalls vermuten, aber nicht wissen. Daher warne ich davor Prognosen abzugeben oder irgendwelchen Prognosen Glauben zu schenken.

Ein Mindestlohn wirkt prozyklisch

Das einzige was bleibt ist die theoretische Betrachtung. Da bleibt vor allem festzustellen, dass ein Mindestlohn oder eine Lohnuntergrenze prozyklisch wirkt. In guten Zeiten mit wenig Arbeitslosigkeit und einer hohen Arbeitsnachfrage – also solche wie wir gerade erleben – kann eine Erhöhung der Lohnsumme tatsächlich nachfragewirksam werden und für BIP-Wachstum sorgen. Das liegt daran, dass die Lohnelastizität der Arbeitsnachfrage gering ist.

Im Abschwung dagegen, wenn die Arbeitslosigkeit (gerade im Niedriglohnbereich und bei Geringqualifizierten) recht hoch ist, kommen zwei Effekte zum Tragen, die den Abschwung tiefer machen als notwendig. Das erste ist der direkte Arbeitsplatzverlust, der durch den höheren Nominallohn wahrscheinlicher wird, wenn im Abschwung die Lohnelastizität der Arbeitsnachfrage steigt¹. Dadurch könnte gerade im Dienstleistungssektor auch das Angebot sinken, was weitere Preissteigerungen auslösen würde.

Der zweite Effekt ist der Verlust von mehr nachfragewirksamen Lohn, im Falle von Arbeitslosigkeit – je mehr Lohn jemand erhält, desto mehr fällt auch weg, falls derjenige seinen Job verliert. Bei einem gesamtwirtschaftlichen, mittelfristigen Gleichgewicht, das die höhere Lohnsumme internalisiert hat, sorgt der dieser Wegfall für einen stärkeren Abschwung. Auch wird es länger dauern, da im Tal des Konjunkturzyklus weniger schnell neue Arbeitsplätze geschaffen werden, da diese den Mindestlohn kosten. Über das Steueraufkommen wird dieser Effekt noch einmal auf die öffentlichen Haushalte vergrößert.

Wohlgemerkt, all diese Effekte basieren auf der Annahme, dass ein Mindestlohn Beschäftigungseffekte hat. Je stärker diese Effekte sind, desto ausgeprägter werden die Ausschläge des Konjunkturzyklus. Stabilisierend ist das nicht. Also bräuchten wir – wenn überhaupt – einen Mindestlohn, der möglichst wenige Arbeitnehmer betrifft, damit sich die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Grenzen halten. Ein solcher Mindestlohn ist dann aber eher eine Mogelpackung, daher haben die DIW-Ökonomen Recht, wenn sie die Hoffnungen stark dämpfen.

Falsche Preise

Nehmen wir nun an, dass die Befürworter recht haben und ein Mindestlohn keine nennenswerten Beschäftigungseffekte hat – oder gering genug ausfällt. Damit hätten sich zumindest die Probleme über den Konjunkturzyklus erledigt. Es gibt aber ein weiteres, subtileres Problem: Unpassende Preise.

Der Mindestlohn ist ein Nominallohn, interessant ist aber für jeden von uns natürlich der Reallohn. Da die Preise aber über die gesamte Republik alles andere als gleichmäßig sind, sorgt ein flächendeckender Mindestlohn für massive Unterschiede in den Reallöhnen. So könnte selbiger Mindestlohn zu wenig sein, um in einer Stadt wie Frankfurt überhaupt zu einer Erhöhung des Reallohnes zu führen, während er in ländlicheren Gegenden viel zu hoch ist und damit den Arbeitsmarkt zu sehr stört. Es ist präzise dasselbe Problem, an dem die Eurozone gerade krankt: einheitliche Preise (Löhne oder Wechselkurse) sorgen für Ungleichgewichte, weil der Preismechanismus ausgehebelt wird. Bei Mindestlöhnen wenigstens nur in eine Richtung, aber das wird fatal für ländliche Gegenden.

Dasselbe Argument gilt auch für Branchen mit einem hohen Lohnkostenanteil. Gerade im Dienstleistungssektor – der laut DIW am stärksten von einem Mindestlohn betroffen wäre – sind die Preise sehr stark von den Lohnkosten abhängig. Hier ist also mit Inflation zu rechnen, was die Reallöhne wieder senkt. Das ist dann zum einen Linke-Tasche-Rechte-Tasche, zum anderen auch eine Umverteilung von Nichtmindestlohnempfängern zu Mindestlohnempfängern.

Mindestlöhne untergraben die Konkurrenz

Das letzte theoretische Argument betrifft die Marktstruktur. Ein (hoher) Mindestlohn kann möglicherweise nur von größeren Unternehmen bezahlt werden, während kleinere es sich nicht leisten können und somit aus dem Markt gedrängt werden – ich denke da an den örtlichen Bäcker, Friseur, Autowerkstatt, etc. Ein Mindestlohn kann zur Oligopolisierung der Märkte führen, exakt das Gegenteil dessen, was gute Wirtschaftspolitik eigentlich will, nämlich die Konkurrenz zu fördern.

Ich halte es für depp, aber wenn’s denn wirklich unbedingt sein muss…

Aus liberaler Sicht ist ein Mindestlohn genauso sehr abzulehnen, wie jeder andere Eingriff in den Preismechanismus auch. Gerade weil ein Mindestlohn keine lenkende Wirkung hat und nicht dem Beseitigen externer Effekte dient, kann er kein Mittel liberaler Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik sein. Freilich, dafür interessieren sich Befürworter nicht – und der Mindestlohn wird bereits in dieser Legislaturperiode kommen. Wenn es denn wirklich sein muss – und das muss es wohl, aus Sicht der Bundestagsparteien – dann sollte man sich auf ein möglichst wenig schädliches Modell einigen. Regional- und branchenspezifische Lohnuntergrenzen auf vergleichsweise niedrigem Niveau erscheinen mir als das geeignete Instrument diesen Quatsch noch halbwegs unschädlich einzuführen. Das wichtigste Ziel muss sein, keine Arbeitslosigkeit zu erzeugen – offensichtlich, damit die Menschen auch etwas von einem Mindestlohn haben, aber eben auch damit der Konjunkturzyklus nicht verstärkt wird. Auch solche flexiblen Lohnuntergrenzen haben aber negative Effekte, wie die angesprochene Oligopolisierung.

Die Alternative ist das bereits praktizierte Kombilohnmodell. Klar, das ist auch nicht das Gelbe vom Ei, aber flexibler und weniger in den Markt eingreifend ist es allemal. Und es sorgt nicht für Arbeitslosigkeit. Ich verweise an dieser Stelle nochmal auf die Kommentare de Artikels „Des Bundesrates Mindestlohn“.

Was hältst Du für das beste Konzept? Mindestlohn, Lohnuntergrenzen, Kombilohn oder einfach gar nix? Warum? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

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¹ Ich habe leider keine Studie gefunden, die das mal empirisch geprüft hat. Wenn jemand eine solche kennt, immer her damit.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.