Über Ungleichgewichte


Dieser Artikel ist auch bei zuwi.at erschienen.

Vorgestern habe ich einen Kommentar im Handelsblatt gelesen, in der der Autor die Leistungs- und Handelsbilanzunterschiede innerhalb der Eurozone als das eigentliche Problem der Krise ansieht und nicht die horrenden Staatsschulden.
Vieles von dem was Herr Mallien schreibt ist durchaus richtig, dennoch ist sein Schluss – das Geschäftsmodell Deutschlands bringe Europa den Ruin – meines Erachtens abenteuerlich, ja geradezu naiv. Implizit würde das bedeuten, dass die Deutschen genau deswegen einen Leistungsbilanzüberschuss haben, weil sie so gerne exportieren und es willentlich als Geschäftsmodell angenommen haben.Das ist natürlich Unfug. Leistungsbilanzsalden, ob positiv oder negativ, ergeben sich nicht aus der willkürlichen Entscheidung eines Land heraus, sondern aus den Myriarden von Einzelentscheidungen der Menschen in diesem Land. Es ist das alte Lied davon, dass die Überschussländer wissentlich und willentlich die Defizitländer in den Ruin exportieren. Was der tiefere Sinn davon sein soll, bleiben die Anhänger dieser Denkrichtung schuldig. Wenn mein Handelspartner über die ökonomische Wupper geht, kann ich ihm auch nichts mehr verkaufen und ich gehe selbst bald über besagte Wupper. Zweifellos tragen hohe Leistungsbilanzsalden – Überschüsse wie Defizite – Risiken, aber die Argumentation geht in die andere Richtung. Die Ungleichgewichte ergeben sich nicht, weil Deutschland bösartigerweise so gut ist, sondern weil der Rest Europas einfach zu schlecht ist. Das mag zynisch klingen, ist aber die Wahrheit. Es gibt neben der Theorie, Deutschland als ganzes möchte willentlich den Kontinent ökonomisch dominieren, einige mikroökonomisch deutlich plausiblere Gründe, die für die Ungleichgewichte in der Eurozone verantwortlich sind:
Deutsche Produkte sind nunmal erstklassig und ein Kassenschlager. Das könnte am genauen, akkuraten, peniblen, perfektionistischen, bisweilen pedantischen Wesen der Deutschen liegen, die gerne Erstklassiges produzieren. Dagegen hilft nur, dass die Griechen, Italiener, Portugiesen und Franzosen sich auf ein vergleichbares Qualitätsniveau heben. Auch hier wieder müssen es die Einzelentscheidungen der Firmen und der dort arbeitenden Menschen sein, die dann in der Aggregierung eine allgemeine Qualitätsverbesserung erzeugen.
Vielleicht liegt es auch an der Alterung der Deutschen. Eine alternde Gesellschaft muss sparen und vorsorgen. Am einfachsten geht das durch mehr Einnahmen als Ausgaben oder mehr Exporte als Importe. Der Leistungsbilanzüberschuss ist geradezu typisch für Deutschlands demografisches Profil.
Deutschland ist nunmal das größte Land der Eurozone, sowohl was die Einwohner als auch was die Wirtschaftsleistung betrifft. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Dominanz. Den Deutschen das vorzuwerfen ist unfair.
All dem liegt das falsche Verständnis der Eurozone als lockere Währungs-WG zugrunde. Aber wie jede WG kann auch die Eurozone nur funktionieren, wenn sich alle an die Regeln halten. Zu diesen – wenn auch stellenweise impliziten – Regeln gehört, dass man sich in der Währungsunion anstrengen muss, den eigenen Wohlstand und den Wohlstand der Mitbewohner zu sichern, indem man die Wettbewerbsfähigkeit hoch hält und weiter erhöht. Diese simple Erkenntnis hat sich wohl noch nicht überall durchgesetzt. Ich habe in einem Essay für die Uni im Sommer geschrieben:

It must be perceived by markets, consumers and politicians that the [Eurozone] is neither a club that makes a country automatically rich once it is in, nor where correct behaviour stops at the entrance, nor allows endangering the community by the misconduct of a single member. [It] rather sets incentives that help countries to make themselves better off by adhering to market laws,[…]

Und diese Anreize sich an die Regeln der Marktwirtschaft zu halten, um sich selbst und den Rest der Gemeinschaft zu verbessern wurden sträflich ignoriert oder verwässert. Das Ergebnis haben wir jetzt. Und Deutschland, das sich einfach nur an die Regeln gehalten hat soll jetzt Schuld am Untergang Europas haben?
Herr Mallien macht leider den klassischen Fehler, dass er die Entwicklung des Kontinents ceteris paribus betrachtet. Wenn der Rest Europas sich aufschwingt und ähnlich gut wie Deutschland produziert, wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss schrumpfen wie die Leistungsbilanzdefizite der jetzigen Defizitländer. Die Eurozone wird also nicht nur nach außen einigermaßen ausgeglichen bleiben, sondern auch intern.
Ich halte es aus diesen Gründen nicht für die Ursache der Krise, sondern für deren einzig marktkompatible Lösung, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

PS: Zum Thema Handelsbilanz (und damit auch einen Gutteil Leistungsbilanz) gibt’s im Economist was Schönes zu lesen.

Was meinst Du? Ist die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands eine Gefahr für Europa oder ein Wegweiser aus der Krise? Habe ich was übersehen? Ich freue mich auf Kommentare!

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

4 Gedanken zu „Über Ungleichgewichte“

  1. Hi Ben, ich bin ganz auf deiner Seite, aber in Teilen bist du gar nicht so weit weg von Herrn Mallien. Denn er sagt ja auch, dass die Defizitländer wettbewerbsfähiger werden müssen. Insofern hast Du dir nur einen Punkt der Kritik herausgepickt. Seine Schlussfolgerung, dass bei wettbewerbsfähiger werdenden Griechen, Italienern, Spaniern usw. kein Ausgleich stattfinden würde, sondern die Defizite außerhalb Europa zu beklagen wären, stimmt auch nicht. Denn wenn griechische Autos genauso gut wären wie BMW oder Audi, dann würden die eben weniger verkaufen. Und global betrachtet muss die Leistungsbilanz ausgeglichen sein – systembedingt. Es sei denn wir exportieren Audis auf den Mond. Deinen Vergleich mit einer WG finde ich hübsch. Das hat was. Ein Problem sehe ich in der Aggregation individueller Marktentscheidungen, Denn damit wird so getan als ob ein Staat für den LB-Saldo verantwortlich wäre. Ist er aber nicht. Er ist allenfalls für die Regeln nach denn der Markt tanzt zuständig. Die Salden ergeben sich zwangsläufig.

    Gruß
    Papa

  2. „Vielleicht liegt es auch an der Alterung der Deutschen. Eine alternde Gesellschaft muss sparen und vorsorgen. Am einfachsten geht das durch mehr Einnahmen als Ausgaben oder mehr Exporte als Importe. “

    Und wo bleiben in diesem Argument die Myriaden von Einzelentscheidungen? Zuvor hattest Du schließlich behauptet, Überschüsse seien keine bewusste gesellschaftliche Entscheidung (dem würde ich auch zustimmen, aber das mit der alternden Gesellschaft passt nicht so richtig, zumal ja Altersvorsorge in Deutschland noch immer keine Sache für Sparer ist, sondern eine der öffentlichen Kassen).

    „Wenn mein Handelspartner über die ökonomische Wupper geht, kann ich ihm auch nichts mehr verkaufen und ich gehe selbst bald über besagte Wupper.“

    Vor allem habe ich meine Waren weggegeben und bekomme für einen Teil davon keine Gegenleistung.

    „Die Ungleichgewichte ergeben sich nicht, weil Deutschland bösartigerweise so gut ist, sondern weil der Rest Europas einfach zu schlecht ist. Das mag zynisch klingen, ist aber die Wahrheit.“

    Das klingt in meinen Ohren nicht zynisch, sondern chauvinistisch.

    Es geht, meiner Meinung nach auch nicht um gut oder schlecht, sondern um angemessene Marktpreise, insbesondere für Arbeit. Ein Teil der Südländer leistet sich eine zu verfilzte Lohnstruktur, die mehr von politischen Interessen statt von Angebot und Nachfrage bestimmt wird.
    Die kulturelle Komponente geht uns dagegen nichts an. Wenn jemand gerne früher Feierabend machen möchte und dafür auf Lohn verzichten, ist das sein gutes Recht und ganz normaler Teil der Preisbildung auf dem Markt.

    1. Hallo Stoertebecker,

      die Myriarden von Einzelentscheidungen können ja durchaus alle ähnlich sein. Es würde mich nicht wundern, wenn die Entscheidungen der Bürger eines Landes wie Deutschland recht homogen sind.

      Ich meinte mit „gut“ und „schlecht“ nur die Wettbewerbsfähigkeit bzw. die Ausprägung der Zahlungsbilanz. Auch wenn diese per se weder gut noch schlecht ist. Insofern finde ich zynisch ist der korrekte Begriff. Die Situationsanalyse wäre dieselbe wenn z.B. Frankreich die Eurozone dominieren würde.

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