Schubs

Gestern besuchte der griechische Ministerpräsident Tsipras Bundeskanzlerin Merkel. Zumindest der Ton in dem beide übereinander sprachen unterscheidet sich doch deutlich von der polternden Rhetorik mit der griechische Minister zuletzt negativ aufgefallen sind. In der Sache gibt es wohl noch keine Fortschritte – auch wenn ich das Vorlegen einer Reformliste kaum als Fortschritt bezeichnen könnte. Tsipras und seine Regierung müssen einfach mal hinne machen anstatt immer nur Reden zu schwingen.

Damit meine ich insbesondere das Angebot Deutschlands und Frankreichs anzunehmen, die griechische Verwaltung mit der Hilfe deutscher und französischer Experten auf Vordermann zu bringen. Finanzhilfe über das hinausgehend, was bereits vereinbart wurde ist weder hilfreich noch politisch in den Geberländern vermittelbar. Griechenlands Regierung muss die Reformliste vorlegen, um den Greccident Ende März zu verhindern. Sobald diese unmittelbare Gefahr gebannt ist, muss es um den Transfer von Know-How und Expertise gehen. Da können Deutschland und Frankreich mit Verwaltungsfachleuten viel erreichen. Um die griechische Wirtschaft aber wieder wettbewerbsfähig zu machen, braucht es mehr als nur ein paar Berater.

Der Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft über die letzten fünf Jahre ist eine Katastrophe, da hat Tsipras uneingeschränkt recht. Wir wissen mittlerweile, dass Volkswirtschaften mitunter auf Pfade begeben, die eine sich selbst verstärkende Wirkung haben, üblicherweise ausgelöst durch ein Ignorieren oder Betäuben der marktwirtschaftlichen Kräfte im Vorfeld. Nur ein mitunter kräftiger Schubs von außen kann solche Volkswirtschaften aus dem Teufelskreis befreien. Griechenland befindet sich blöderweise in einem solchen Teufelskreis und benötigt einen Schubs. Leider sind diese Schubse nur selten marktwirtschaftlich einwandfrei – eigentlich sind sie oft das genaue Gegenteil. Und zu viel davon bereitet dann auch gleich noch die nächste Krise vor.

Mein Vorschlag wäre es, dass die Bundesregierung Garantien für Investitionen deutscher Unternehmen in griechische Unternehmen ausspricht. Das ist nicht marktwirtschaftlich, hat aber die gewünschten Effekte von Investition und Know-How-Transfer. Damit es nicht ausartet müssen freilich einige Bedingungen erfüllt sein. So sollten eher viele kleine Investitionen getätigt werden, vielleicht bis zu einem mittleren fünfstelligen Höchstbetrag. Weiterhin sollten es realwirtschaftliche Investitionen sein, etwa Maschinen, die im Austausch für Firmenanteile gekauft werden. Oder Joint-Ventures deutscher und griechischer Unternehmen. Im Zweifel kann ich mir auch die komplette Übernahme griechischer Unternehmen durch deutsche Unternehmen vorstellen – unter der Maßgabe, dass die Unternehmen nicht geschlossen werden sondern produzieren und Arbeitsplätze erhalten und schaffen.

Die EZB kann so viele Euros drucken, wie sie will. Griechenlands derzeitige Lage ist soweit vom Gleichgewichtspunkt entfernt, dass die nominalen Änderungen durch die Geldpolitik keinen nennenswerten Einfluss auf die reale Wirtschaft haben werden. Mario Draghi weiß das, darf es aber nicht sagen. Das einzige was Griechenland auf die Beine helfen wird ist ein realwirtschaftlicher Impuls, der von außen kommen muss. Deutschland hat – insbesondere auch durch die niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen – das Geld und deutsche Unternehmen das Know-How. Da der übliche Investitionskanal über die Banken nicht funktioniert, sollte die Bundesregierung hier einspringen.

Nochmal: Das ist keine marktwirtschaftliche Lösung. Ich glaube auch nicht, dass es für Griechenland noch eine marktwirtschaftliche Lösung gibt. Mein Vorschlag ist aber effektiv und durchführbar. Zweifellos wird es zu Fehlallokationen kommen und die Bundesregierung wird auch einige der Garantien einlösen müssen. Aber immerhin treffen Unternehmen die Investitionsentscheidungen und es wird nicht keynesianischer Manier einfach Geld für irgendetwas ausgegeben – es gibt also ein zumindest rudimentäres marktwirtschaftliches Korrektiv. Auch alleine vom Volumen wird das wohl kein milliardenschweres Konjunkturpaket werden. Es wäre ein Schubs. Wohlgemerkt, ein Schubs der nur funktionieren wird, wenn die griechische Regierung auch gleichzeitig die Strukturreformen durchführt, die sie seit Jahren verspricht. Darin liegt auch die größte Gefahr: Dass ein solches Programm den Reformwillen der Regierung erlahmen lässt. Dennoch ist es einen Versuch wert und wird effektiver sein, als jede geldpolitische Maßnahme, da die reale Wirtschaft direkt beeinflusst wird und nicht mit dem Umweg über nicht funktionierende Banken.

Da bleibt noch das Moral-Hazard Problem. Wie können wir verhindern, dass eine solche Maßnahme in Zukunft immer und immer wieder verlangt wird? Ich denke nicht, dass das der Fall sein wird, immerhin kommt es einem staatlich organisierten Ausverkauf Griechenlands recht nahe. Aus diesem Grund halte ich das Moral-Hazard Problem für beherrschbar. Trotzdem bin ich kein sonderlich großer Fan meiner Idee, aber gegeben die Umstände ist es wohl noch eine der schlaueren der ganzen blöden Ideen.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.