NGDP Targeting ist gefährlich

Im Moment geht ein Hype durch die Literatur über Zentralbankökonomik. Paul Krugman ist ein Fan, bald-BoE-Gouverneur Mark Carney auch und gestern erschien ein entsprechender Beitrag von Jeffrey Frankel in der einflussreichen Ökonomenplattform VoxEU. Die Rede ist von NGDP Targeting, also der Überlegung, dass die Zentralbanken nicht mehr die Inflationsrate als Zielgröße haben sollten, sondern stattdessen das nominale Bruttoinlandsprodukt (engl. nominal gross domestic product, NGDP).

Die Idee dahinter ist recht simpel: Man gibt ein Zielwachstum für das NGDP vor und überlässt es dem Marktgeschehen die genaue Aufteilung zwischen Preisinflationierung und realem Wachstum zu finden. Damit würde die Zentralbank bei exogenen, also nicht fundamental monetären Preisschocks nicht mehr die Zinsen anheben und somit das reale Wachstum bremsen. Die Reaktion auf nichtmonetäre Inflation, etwa Ölpreisschocks, wäre flexibler. Auch in Situationen mit geringem oder negativem realen Wachstum würde NGDP Targeting dafür sorgen, dass die Wirtschaftsteilnehmer eher ihr Geld in Konsum stecken, um so das reale Wachstum zu steigern, bevor das Geld durch Inflation an Wert verliert.

Genau hier steckt die Gefahr von NGDP Targeting: Es verwendet die Inflationsrate indirekt als geldpolitisches Instrument. Und das ist erstens dämlich und zweitens gefährlich, weil es die Erwartungen zerstört. Hat die Zentralbank einmal den Anker zerstört, an denen sich die Pläne der Wirtschaftsteilnehmer orientieren, ist es sehr schwierig die Inflation wieder einzufangen – vermutlich nur durch disinflationäre Politik, was NGDP Targeting ja explizit vermeiden will. Der zweite große Nachteil ist die Gefahr der Fehlinvestitionen: Hauptsache das Geld wird auf den Kopf gehauen, bevor es die Zentralbank weginflationiert.

Allein von der ökonomischen Zielsetzung, stabile Inflationserwartungen, stabile Investitionsentwicklung und nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen, fällt NGDP Targeting schon durch. Aber die ordnungspolitische Dimension ist eigentlich noch viel schlimmer.

NGDP Targeting weicht explizit das Inflationsziel (in der EWU knapp unter 2% im mittelfristigen Durchschnitt) auf und stört somit langfristige Investitionen und Pläne der Wirtschaftsteilnehmer. Lebensversicherungen, Realinvestitionen, Festgeldkonten, all das wird der Unsicherheit preisgegeben. Man mag einwenden, dass NGDP Targeting ja reales Wachstum erzeugen soll indem mehr investiert wird. Nun, die Fed macht eine Art de-facto NGDP Targeting und hat damit die Dotcom-Blase und die Subprime-Blase ausgelöst, weil die Wirtschaftsteilnehmer ihr Geld in Anlagen gesteckt haben, die Wachstum versprachen, aber es nicht halten konnten. Einen besseren Beweis für die systemische Gefährlichkeit von Fehlinvestitionen durch Inflationsandrohung kann man nicht finden. Warum tatsächlich immer noch über die Inflationsrate als direktes oder indirektes geldpolitisches Instrument diskutiert wird ist unverständlich.

Auch im Falle von nichtmonetärer Inflation durch exogene Schocks braucht man kein NGDP Targeting, um verfrühte Zinserhöhungen zu vermeiden. Es würde genügen zu sehen, woher die Inflation kommt und danach zu entscheiden. Ist sie monetär, erhöht man die Zinsen; ist sie es nicht, lässt man die Zinsen wo sie sind. Überhaupt ist es nicht Aufgabe der Zentralbank kurzfristige Preisschwankungen auszugleichen. Die Zentralbank hat die mittel- und langfristige Ziele der Preisstabilität (oder vielmehr der Erwartungsstabilität) und der Finanzmarktstabilität. Das genügt auch. Die Zentralbank auf das Wachstum des (nominalen) Bruttoinlandsproduktes zu verpflichten, überfordert die Geldpolitik konzeptuell. Daher sollte man die Finger davon lassen.

Dann kommt noch das Argument der Befürworter, dass man in der Liquditätsfalle entweder Quantitative Easing machen muss oder die Inflationserwartungen zu erhöhen (oder beides) – zumindest wenn man die Nulluntergrenze für den Leitzins ernst nimmt, was ich tue. Ich sehe das prinzipielle Konzept der Liquiditätsfalle allerdings nicht so sehr als geldpolitisches Problem, dem man mit unkonventionellen Maßnahmen beikommen kann, sondern vielmehr als fiskalisches Problem. Wenn meine Regierung Geld in bankrotte Eurostaaten schütten würde anstatt der Wahrheit ins Auge zu sehen, oder die beiden großen Parteien sich nur Tage von der Fiskalklippe entfernt wie Kindergartenkinder kabbeln, dann wäre bei mir auch das Vertrauen im Keller und ich würde mit einem Kredit für eine neue Maschine auch warten. Die Liquiditätsfalle entsteht durch fehlendes Vertrauen; weitere geldpolitische Stimuli, die irgendwann wieder eingesammelt werden müssen, bringen nicht vorhandenes Vertrauen nicht wirklich zurück. Im Gegenteil.

Angesichts der dysfunktionalen Regierungen hüben wie drüben des Atlantiks kann ich es zumindest nachvollziehen, dass den Zentralbanken gerne die Aufgabe des Retters zugeschrieben werden soll. Falsch ist es trotzdem. Die Zentralbank kann als Hüterin der nominalen Größen auch nur nominal etwas ändern und bestenfalls den Regierungen Zeit kaufen. Für reales Wachstum und realen Wohlstand braucht es reale Erparnisse und die kommen nur mit realem Vertrauen. Etwas, für das die Regierungen in Berlin, Paris, Athen, Madrid, Rom, London und Washington besser heute als morgen sorgen sollten.

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Was hältst Du von NGPD Targeting? Gefährlicher Unsinn oder doch die Lösung unserer Probleme? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

3 Gedanken zu „NGDP Targeting ist gefährlich“

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