Monopoly – Gespielter Kapitalismus?

Letzte Woche haben meine Freunde und ich eine lustige kleine Monopolyrunde gespielt. Offiziell als wirtschaftswissenschaftliches Experiment, um festzustellen ob die These eines der Freunde aufrechtzuerhalten war, dass man Monopoly am besten nicht-kooperativ spielen soll. Ein anderer Freund und ich hielten dagegen und sagten, dass man kooperativ spielen wird, wenn die Umstände es erfordern; etwa wenn man sich durch einen Deal in ein bereits verloren geglaubtes Spiel zurückzufinden erhofft.

Gleich zu Beginn des Spiels erwischte ich offenbar Spielzüge deren Wahrscheinlichkeit eher am äußeren Rand der Verteilung zu finden sind: Ich landete viermal hintereinander im Gefängnis und ging während der ersten Spielstunde kein einziges Mal über Los. Ich pendelte zwischen Gefängnis und dem „Gehen Sie ins Gefängnis“-Feld. Immerhin erwischte ich auch recht oft das „Frei Parken“-Feld – von uns Ökonomen scherzhaft „Rettungsfonds“ genannt. Dennoch war ich in der kritischen Akkumulationsphase praktisch aus dem Spiel genommen und hatte kaum Gelegenheit Straßen zu kaufen – von Straßenzügen ganz zu schweigen.

Ich schaffte es dennoch die Parkstraße zu ergattern und machte irgendwann den Deal mir gegen die Theaterstraße und noch irgendwas, die Schlossallee zu ertauschen; einer meiner Freunde bezeichnete das als ein High Risk – High Reward Deal. Er sollte recht behalten und widerlegte dabei aber auch gleichzeitig seine These der optimalen Nicht-Kooperation.

Tatsächlich konnte ich mit den Straßenzug Parkstraße/Schlossallee genügend Mieteinnahmen generieren, um Häuser und später Hotels auf die beiden Straßen zu setzen, was einen weiteren Mitspieler in den Bankrott trieb – er übernahm daraufhin die Leitung der Zentralbank: ein ironischer Scherz unter Ökonomen.

Dieser Bankrott war aber die einzige Stelle im Spiel an der tatsächlich so etwas ähnliches wie Marktwirtschaft geherrscht hat. Die verkauften Häuser weckten Begehrlichkeiten bei den noch verbliebenen Spielern und wir versteigerten über vielleicht eine Viertelstunde hinweg diese Häuser. Der Preis entstand durch Angebot, Nachfrage, strategische Interaktion und Kalkül – und stand nicht auf einer Karte aufgedruckt.

An dieser Stelle wurde mir bewusst, dass Monopoly eigentlich kein sonderlich marktwirtschaftliches Spiel ist. Die Preise für Straßen, Häuser und Hotels sind festgelegt und ändern sich nicht. Ebenso das Zinsniveau für Hypothekenkredite. Die Bank hat keinerlei Risikokomponente. Die Mieten stehen von vornherein fest. Es ist eigentlich eher Planwirtschaft. Und da passt wieder das Spielverhalten zur Theorie: Es bilden sich Risikocluster und Monopole und früher oder später bricht alles zusammen.

Ohne funktionierenden Preismechanismus, insbesondere für die Mieten kann kein Markt simuliert werden, der lange durchhält. Der Zusammenbruch ist bei Monopoly Teil des Spielkonzepts. Insofern ist Monopoly kein gespielter Kapitalismus. Dem Kapitalismus – besser: der Marktwirtschaft – wohnt mit dem Preismechanismus eine Nachhaltigkeitskomponente inne, die völligen Zusammenbruch verhindert, wenn man ihre Kraft zur Entfaltung kommen lässt. Boom und Slump würden sich abwechseln, wie Euphorie und Vorsicht bei den Mitspielern wächst und schumpft. Es ist selbst für einen Monopolisten irrational und optimalitätsverletzend alle anderen Akteure pleite gehen zu lassen, da dann auch der Monopolist nichts mehr verkaufen wird.

Aber das ist nicht alles. Monopoly hat eine überschaubare Anzahl von Spielern, die strategisch interagieren und vermutlich kein Interesse an der Gesamtwohlfahrt haben, sondern nur am eigenen Sieg. Auch findet kein technologischer Fortschritt statt, der alte Geschäftsmodelle durch neue ersetzt. Es fehlt die eine Hälfte der inflationären Spirale: die Mieten werden durch den Bau von Häusern immer teurer, aber für jedes Überqueren von Los erhält man immer dieselbe Summe. Und zuletzt spielt durch das Würfeln der Zufall eine zu große Rolle. Dieser Zufall führt entweder schnell in den Bankrott oder die die ineffiziente Hordung von Liquidität, um Mietschocks abzufedern. Zumal meine Budgetbeschränkung mir sagen würde, dass ich eher in der Badstraße als in der Goethestraße wohnen würde.

Damit verletzt Monopoly eigentlich alle Anforderungen an eine funktionierende Marktwirtschaft – es ist weniger gespielter Kapitalismus als vielmehr gespielte Finanzkatastrophe durch das gezielte Ignorieren und Blockieren von wirtschaftlichen Anpassungskanälen. Vor diesem Hintergrund ist Monopoly warnendes Beispiel. Nicht vor einem „entfesselten Raubtier- und Kasinokapitalismus“ sondern vor dem genauen Gegenteil.

Und es ist eine mords Gaudi für einen Haufen VWL-Studenten 🙂

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

4 Gedanken zu „Monopoly – Gespielter Kapitalismus?“

  1. Macht Spaß zu lesen. Würde gerne mit dir die regeln so anpassen , dass eine echte marktwirtschaftliche Simulation daraus wird. Was meinst du?
    Gruß
    G.

    1. Danke! 🙂

      Aber Monopoly anzupassen wird schwierig. Da müsste man die Straßen versteigern. Und jeder müsste gleichzeitig mitbieten dürfen, ohne auf dem Feld zu sein. Und so weiter…

      Ich glaub, da spiele ich lieber Siedler 😉

  2. Aus Sicht des Familienvaters (Mitte 40): Monopoly kann nicht anders konzipiert sein, als es ist. Ein Brettspiel muss ja irgendwann zu Ende gehen 😉

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