Lohnerhöhungen als Beitrag zum Abbau des Exportüberschusses?


Dieser Artikel ist auch bei zuwi.at erschienen.

Können Lohnerhöhungen den Exportüberschuss Deutschlands und damit den Leistungsbilanzüberschuss verringern? Kann man damit die Krise lösen?
DIW-Chef Wagner wird im Handelsblatt wie folgt zitiert:

[…] hält der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert G. Wagner, 2012 Lohnerhöhungen von durchschnittlich drei Prozent für angemessen. Maßstab sei die mittelfristige Produktivitätsentwicklung plus mittelfristige Inflation, sagte Wagner den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Allein die Inflationsrate werde 2012 knapp zwei Prozent betragen. Gemessen daran könne sich die deutsche Wirtschaft im Schnitt sicherlich dreiprozentige Lohnerhöhungen leisten.

Lohnerhöhungen in Deutschland seien auch ein Beitrag zur Stabilität der Euro-Zone, sagte Wagner. Deutschland erwirtschafte mit seiner Niedriglohnpolitik seit Jahren einen hohen Außenhandelsüberschuss und bringt andere Länder in ein Defizit. „Höhere Löhne sind ein Beitrag zum Abbau des deutschen Exportüberschusses“, sagte Wagner. [1]

Nun hat Herr Wagner zweifellos recht damit, dass die wirtschaftliche Situation Lohnsteigerungen ermöglicht, auch in dieser Höhe. Ich halte es aber aus einem anderen Grund für wichtig.

Im Moment haben wir in Deutschland eine Nachfragelücke, die dafür sorgt, dass viel der Produktion für den Export gemacht wird. Das ist in offenen Volkswirtschaften völlig normal, um die Markträumung zu erreichen. Typisch für Nachfragestörungen ist, das diese kurzfristig auftreten und kurzfristig gelöst werden können. Eine Methode diese Störung zu beseitigen ist das Anheben des Lohnniveaus, um die aggregierte Nachfrage zu erhöhen. Kurzfristig, d.h. mit konstantem Preisniveau geht das so simpel.

Will the real John Maynard please stand up?!

Natürlich hat diese sehr keynesianische Betrachtungsweise ihre Tücken. So wird mittelfristig dadurch die umlaufende Geldmenge erhöht, was zu Inflation führt, da das Geld, das im Moment nur inflationsunwirksam bei den Banken liegt, dann in die Realwirtschaft fließt. Damit es bei der Inflationsneutralität bleibt sollte also die Wirtschaft wachsen. Dazu bedarf es aber mehr als einen Nachfrageschub.

Was hat das nun für Auswirkungen auf den Export? Wagner will mit diesen Lohnsteigerungen den Exportüberschuss senken und somit die Ungleichgewichte bekämpfen. Er beschreibt damit den Wirkungskanal der Wettbewerbsfähigkeit über den Preis. Werden die Löhne erhöht hat das höhere Kosten für die Produktion zur Folge, was die Unternehmen an den Kunden weitergeben werden. Die Preiserhöhungen machen deutsche Produkte unattraktiver für den Kunden, die Nettoexporte sinken ceteris paribus und damit werden die Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen in Europa kleiner. Klingt gut. Wo ist der Haken?

Der Haken liegt darin die Wettbewerbsfähigkeit rein als preisgesteuerte Variable zu betrachten. Ist sie nämlich nicht. Deutschland ist u.A. deswegen so wettbewerbsfähig, weil die Produkte deutscher Unternehmen so gut sind. Und weil sie eben so gut sind gibt es wenig Subsitutionsmöglichkeiten, was wiederum in niedrigen Substitutions- und Nachfrageelastizitäten mündet. Auch wenn die Produkte durch die Lohnerhöhungen teurer würden, der Export würde vorerst nur wenig darunter leiden. Der Umkehrschluss daraus ist, dass aus den wertmäßig teureren aber mengenmäßig (mehr oder weniger) gleich gebliebenen Exporten sich sogar eine Erhöhung der Nettoexporte ergeben könnte.

Ein zentraler Planer – den wir glücklicherweise nicht haben – würde also die Löhne in den Exportsektoren senken und in den Nichtexportsektoren erhöhen, um innerhalb Deutschlands die Exportproduktion zu senken, da dann mehr der Produktion aus den Exportsektoren im Inland konsumiert würde. Aber das ist weder praktisch, noch politisch noch ethisch machbar – was auch verdammt gut so ist.

Und was ist mit den Importen?

Zu den Nettoexporten gehören aber auch noch die Importe, die in der Tat durch eine Lohnerhöhung steigen könnten. Was ebenfalls die Nettoexporte und damit den Leistungsbilanzüberschuss senken würde. Ich habe nur den Verdacht, dass die Deutschen mit mehr Geld in der Tasche nicht unbedingt griechische, französische oder italienische Produkte kaufen würden, sondern eher amerikanische oder chinesische. Das hat dann keine Auswirkung auf die Leistungsbilanz innerhalb der Eurozone.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem der Eurozone, und das ist ganz eindeutig angebotsseitig. Die Griechen haben einfach nichts, was sie verkaufen könnten. Keine nennenswerte Produktion, keine nennenswerte Kapitalausstattung. τίποτα. Da kann man an den nachfrageseitigen Schrauben so viel drehen, wie man will, die Ungleichgewichte werden erst verschwinden, wenn die Peripherie produktiv wird. Ob die gigantische Umverteilungsmaschine EU dafür die richtigen Rahmenbedingungen setzt, wage ich mal zu bezweifeln.

Die einzig verbleibende Lösung, um die relative Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu senken und so die Ungleichgewichte abzubauen, ist die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der anderen Staaten.

Was denkst Du? Sind Lohnerhöhungen in Deutschland eine Möglichkeit die Ungleichgewichte und damit die Krise zu beseitigen? Oder hat das das eine mit dem anderen nichts zu tun? Habe ich einen Denkfehler gemacht? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

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