Klarstellung zu Transfers

Ich hatte neulich geschrieben, dass man mit Transferzahlungen innerhalb der Eurozone, die Leistungsbilanzunterschiede sowohl mechanisch als auch ökonomisch beheben könnte. Nun, daran hat sich nichts geändert, aber ich will dennoch eine kleine Klarstellung liefern, was Transfers eigentlich bedeuten.

Transferzahlungen, um die Leistungsbilanzdefizite der Peripherie zu beseitigen bedeuten nichts anderes, als dass die Überschussländer den Defizitländern das Geld schenken, um die Importe zu bezahlen.

So einfach ist das. Im Augenblick passiert das implizit über nicht ausgeglichene Targetsalden im Eurosystem, aber es ging auch explizit, da Transferzahlungen ebenfalls in der Leistungsbilanz auftauchen, mit dem gleichen Effekt wie Importe (oder Kapitalexporte in der Kapitalbilanz).

Faktisch würden die Überschussländer damit nur ihr eigenes Geschäftsmodell schützen. Das ist tatsächlich der einzig valide Grund von Deutschland ein Umdenken in Bezug auf die enorme Exportlastigkeit seiner Wirtschaft zu fordern. Wenn die Leistungsbilanzsalden innerhalb der Währungsunion ausgeglichen sind, dann sind auch die realen Wechselkurse ausgeglichen und wir haben keine Probleme. Nun ist das freilich ein ziemlich akademischer Ansatz und hilft auch nicht die akute Eurokrise zu beenden – aber zukünftige Zahlungsbilanzkrise wären damit deutlich unwahrscheinlicher.

Es gibt Möglichkeiten das zu erreichen. Zum Beispiel den regelmäßigen Ausgleich der Targetsalden und deren Verzinsung und Besicherung. Ein Ausgleich könnte mit der Übertragung von Gold oder Fremdwährungsreserven passieren. Das geht aber eben auch nur bis zu einem gewissen Punkt. (Ich glaube, da muss ich mir mal näher Gedanken zu machen)

Eine weitere Option wäre der Ausgleich über Arbeitsmigration. Schwierig in Europa, wegen der Sprachbarriere und dem fehlenden europäischen demos.

Oder aber, und das ist ganz fies, Handelsbeschränkungen. Letzten Endes muss irgendetwas als eine Art Ersatzwechselkurs herhalten. Wenn wir nicht wollen, dass das die Arbeitsmärkte sind (und das wollen wir nicht!), dann muss etwas anderes Importe aus Target-Überschussländern teurer machen. Zölle vielleicht? Das wäre nicht nur fies, sondern tatsächlich das Ende des Binnenmarktes. Und das wollen wir auch nicht.

Die letzte Möglichkeit ist, dass wir Deutschen ganz schnell anfangen massiv Kapital in die Peripherie zu exportieren oder Waren aus der Peripherie zu importieren – was in der VGR mehr oder weniger dasselbe ist. Auch wenn das schwierig ist, weil das Sparen und exportieren mikroökonomisch sehr tief in den Nutzenfunktionen der Deutschen steckt. Für die Analyse will ich das mal ignorieren.

Warenimport aus der Peripherie wird schwierig, weil die Peripherie wenig zu bieten hat und die Leute angesichts von Inflationsangst ihr Geld lieber horten. Urlaub in Spanien & Co. hilft. Auch der Import von sprichwörtlichem portugiesischem Wein – wie es schon Ricardo forderte. Auch den Einstieg in die Aktienmärkte der Peripherie würde was bringen. Das hat halt nur diesen unschönen Beigeschmack des Ausverkaufs.

Dabei gibt es natürlich Probleme. Zwar sind die Produkte und Unternehmensanteile der Peripherie gerade billig, aber das würde sich mit eine großen Einkaufstour ändern. Das kann man dann kaum noch als deflationäre Korrektur eines inflationären Booms bezeichnen. Weiterhin ist es insbesondere für Unternehmensanteile gerade sehr schwierig marktgerechte Preise zu finden, weil es Firesales gibt.

Dazu kommt noch die Höhe der akkumulierten Leistungsbilanzdefizite der Peripherie. Das alles ohne Bewertungsänderungen im Rahmen eine externen Abwertung wegzubekommen halte ich für ausgeschlossen.

Der Economist, Paul Krugman und andere können so oft verlangen, dass Deutschland mehr konsumieren und weniger exportieren soll wie sie wollen – es reicht einfach nicht. Zur Analyse gehört aber auch, dass wir Deutschen als Teil der „Problemlösung“, neben interner Abwertung und finanzieller Repression auch Transferzahlungen durchführen werden müssen. Simpel und einfach deswegen, weil sich das Geschäftsmodell Deutschlands nicht von heute auf morgen umstellen lässt, aber auch weil ein Auflösen der Eurozone einen nicht unerheblichen Verlust der Nettoauslandsposition zur Folge hätte. Wir sind da nicht völlig unschuldig. Naiv vielleicht und unsagbar schlecht regiert, aber das schützt nicht davor, dass auch wir Deutschen uns einen Teil der Verantwortung für das Desaster zuschreiben müssen.

Habe ich was übersehen? Wie kann man die Leistungsbilanzsalden noch ausgleichen? Ich freue mich auf Deine Kommentare!

(Hm, so klein ist die Klarstellung jetzt doch nicht 🙂

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

6 Gedanken zu „Klarstellung zu Transfers“

    1. Nicolai,

      du schreibst, dass der Targetüberschuss der Bundesbank die Nettoüberweisungen der Rest-Eurozone nach Deutschland widerspiegeln. Stimmt soweit.
      Weiterhin schreibst Du, die Targetsalden seien nur ein Verrechnungsposten. Stimmt so halb.
      Worauf Du hinaus willst, ist (imho) die Spiegelbildlichkeit von Leistungsbilanz und Kapitalbilanz. Jedem Posten der Leistungsbilanz steht ein gleich hoher negativer Posten in der Kapitalbilanz gegenüber. Deutschland importiert in der Tat Vermögenswerte.
      Du bleibst aber leider bei der (völlig richtigen) oberflächlichen Interpretation stehen. Das Problem geht aber noch weiter.

      Zunächst müssen wir uns fragen, was diese Vermögenswerte tatsächlich wert sind. Nun Targetforderungen gegenüber dem Eurosystem sind solange sicher, solange der Euro hält und kein Mitglied ausfällt. Dann müsste das Eurosystem für die ausgefallenen Targetforderungen ggü dem betreffenden Land abschreiben und die Verluste tragen die restlichen Euroländer nach dem jeweiligen Kapitalanteil am Eurosystem.
      Aber das ist gar nicht das Problem.

      Das Problem liegt in der Natur von Vermögenswerten. Derselbe Grund macht auch die Interpretation der Kapitalbilanz so unintuitiv.
      Ich verkaufe Dir irgendein Gut im Wert von 10 Euro. Solange Du es noch nicht bezahlt hast, habe ich eine Forderung Dir gegenüber in der Bilanz. Ich habe damit einen Vermögenswert erworben. Aber in welche Richtung ist das Geld geflossen? Nun, in Deine, solange Du die Rechnung nicht bezahlt hast. Du hast schon die Ware und noch die 10 Euro. Ich habe „nur“ eine Forderung.
      Target braucht man dafür nicht. Diese Glattstellung der Bilanzen könnten die Zentralbanken auch unter sich machen. Dazu ist keine zentrale Clearingstelle nötig.
      Soll heißen: Target misst nur wieviel die Zentralbanken sich untereinander schulden – via dem Eurosystem.
      Der Saldo gibt an wie hoch die unausgeglichenen Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem sind.

      Natürlich sind die Bilanzen der Bundesbank und der Bank von Griechenland ausgeglichen.
      Aber als Aktivum in der BuBa-Bilanz steht eben eine Forderung gegenüber dem Eurosystem.
      Ebenso hat die Bank von Griechenland ein Passivum als Verbindlichkeit gegenüber dem Eurosystem in der Bilanz.
      Diese beiden Targetposten gleichen jeweils die Verbindlichkeit gegenüber der Geschäftsbank des Exporteurs (BuBa) bzw. Forderung gegenüber der Geschäftsbank des Importeurs (BvG) aus so dass deren jeweilige Bilanzen auch ausgeglichen sind.
      Die Bilanz des Eurosystems ist auch ausgeglichen: Die Summe aller Targetforderungen ggü NZBs ist genauso hoch wie die Summe aller Targetverbindlichkeiten ggü den anderen NZBs (jeweils aus der Sicht des Eurosystems).
      Saldenmechanisch ist das alles ziemlich simpel.
      Aber die Interpretation ist eben mitnichten rein saldenmechanisch.

      Die Vermögenswerte sind „nur“ Forderungen ggü dem Eurosystem. Die Banken der Peripherie könnten ihre Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem nicht begleichen. Daher laufen die Posten auf. Das Eurosystem wirkt als Puffer. Solange wir darauf vertrauen, dass alles gut ausgehen wird, ist das alles kein Problem. Sobald die Peripheriebanken das Geld an das Eurosystem überweisen und es dort mit den Verbindlichkeiten ggü der BuBa verrechnet wird sinken die Targetsalden auch wieder – eben: Verrechnungsposten.

      Insofern hast Du recht, aber auch unrecht. Du hast recht, weil die Targetsalden eben Vermögenswerte der BuBa sind. Tatsächlich fließt „Vermögen“ von der Peripherie nach Deutschland. BuBa und NZBs der Peripherie betreiben einfach eine Bilanzverlängerung.
      Sobald die Targetsalden ausgeglichen werden, also die Vermögenswerte verrechnet werden, in dem Deutschland netto importiert, haben die Bilanzen der NZBs wieder ihre normale Größe.
      Du hast unrecht, weil Du übersiehst, dass die Targetforderungen unausgeglichene Zahlungen sind und das Eurosystem als Puffer wirkt und eben Liquidität über die Verrechnungsposten in Form eine Bilanzverlängerung bereitstellt.
      Die BuBa muss gemäß der Verträge die Bilanzverlängerung mitmachen und stellt dem Eurosystem damit eine Art Kredit bereit. Sie verzichtet auf die Glattstellung ihrer Forderungen gegenüber dem Eurosystem, damit dieses gegenüber der Peripherie deren angelaufene Verbindlichkeiten nicht glattstellen muss. Das hätte nämlich zur Folge, dass erst das EK der NZBs hin wäre und dann das EK der Geschäftsbanken. Und das ist präzise das, was in Europa nicht passieren darf.
      Was ist das anderes als ein impliziter Transfer?

  1. Hallo Benjamin,

    ich glaube, der wesentliche Unterschied in unserem Verständnis ist dieser hier:

    „Ich verkaufe Dir irgendein Gut im Wert von 10 Euro. Solange Du es noch nicht bezahlt hast, habe ich eine Forderung Dir gegenüber in der Bilanz. Ich habe damit einen Vermögenswert erworben. Aber in welche Richtung ist das Geld geflossen? Nun, in Deine, solange Du die Rechnung nicht bezahlt hast.“

    Es ist kein Geld geflossen, sondern nur Ware. Das ist die Realität, übrigens auch in der sozialen Fiktion der Bilanzen. (Wenn überhaupt irgendetwas Geld-artiges geflossen ist, dann sind Netto-Geldvermögen geflossen, und zwar von mir zu dir. Nach diesem Verständnis wäre die endgültige Bezahlung dann nur eine Umwandlung von Geldvermögen in eine andere Form auf deiner, und eine Bilanzverkürzung auf meiner Seite.)

    Ja, man kann darauf nun irgendwelche sekundären Gedankengebilde aufbauen. So etwas kann manchmal zum Verständnis helfen. Aber m.E. sollte man das primäre Setting (die Realität) und das sekundäre Setting (das Gedankengebäude) sprachlich klar voneinander trennen – ansonsten verwirrt man die Umstände nur, anstatt sie zu erhellen.

    Um es etwas drastisch auf den Punkt zu bringen: Zu behaupten, Geld wäre in dem Beispiel von dir zu mir geflossen, hat schon so etwas den Beigeschmack von Newspeak. War is peace, Freedom is slavery, Debt is wealth, und so weiter 😉

    Was die weitere Diskussion von Recht und Unrecht angeht: Wir reden hier über soziale Fiktionen. Die Bundesbank ist eine soziale Fiktion, genau wie die Schulden in Griechenland eine soziale Fiktion sind. Idealerweise sollten wir nur über die Realität sprechen. Die sozialen Fiktionen sind nur insoweit interessant, als sie unvermeidlich sind und sich auf die Realität auswirken.

    Die Fiktion „Geld und Schulden“ ist unvermeidlich (nicht unbedingt in der Form, wie sie heute existiert, aber irgendeine Form von Geld und Schulden sind unvermeidlich). Und in Griechenland (und auch Spanien und Portugal) wirken sie sich extrem bitter auf die Realität aus.

    Die Bundesbank ist dagegen eine soziale Fiktion, die man ohne Verlust für die Gesellschaft von heute auf morgen abschaffen könnte. In einem vernünftig konsolidierten Euro-System gäbe es die Bundesbank sowieso nicht.

    In der alternativen Welt mit Euro-System ohne Bundesbank und ohne Targetsalden wärst du vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen zu behaupten, es gebe implizite Transferzahlungen. Und im Grunde ist es das, worauf es mir ankommt: Was du schreibst ist zwar oberflächlich richtig. Aber nichts davon belegt, dass es sich um Transferzahlungen handelt. Die (fehlenden) Auswirkungen auf die Realität sprechen da eine sehr deutliche Sprache.

    P.S.: Ja, man muss sich überlegen, was die Targetforderungen letzlich wert sind. Diese Frage muss sich eine Netto-Exportnation aber grundsätzlich stellen. Was soll die Netto-Exporterei am Ende eigentlich bringen? Warum sollen Container voll wertvoller Güter Deutschland verlassen, wenn wir netto davon nur Papier bzw. Datenbankeinträge bekommen? Und, noch schlimmer, wenn man das „wir“ in verschiedene Bevölkerungsteile aufschlüsselt: Warum sollen deutsche Arbeiter stagnierende Löhne akzeptieren, während sich eine kleine Oberschicht über die Netto-Exporte Macht verschafft?

    Das sind verdammt unangenehme Fragen. Es beruhigt vielleicht das Gewissen, wenn man sich eine Fiktion zurecht legen kann, wonach wir ja in Wirklichkeit wenigstens implizite Transferzahlungen nach Griechenland schicken und deswegen „die Guten“ sind. Mir kommt gerade, dass das vielleicht der eigentliche Grund ist, weshalb ich auf das Thema etwas wortreich reagiere…

    1. Zugegeben, das war etwas flapsig.
      Der Punkt ist, dass Du beides hast, Ware und Geld, solange Du nicht bezahlt hast. Ich habe nur eine Forderung.
      In der Tat sind Netto-Geldvermögen von Dir zu mir geflossen, die Targetsalden. Bei dir und mir ist die Bilanzverkürzung aufgetreten, aber irgendwo müssen die Dinger hängenbleiben. Das tun sie im Eurosystem.
      Solche buchhalterischen Kunststücke würden auch in einer Welt ohne NZBs auftreten. Da würden die „Target“-Salden eben direkt als Bilanzverlängerung auftreten: Als Kredit bzw. Forderung der EZB gegenüber einer Geschäftsbank. Ob Geschäftsbanken allerdings gewillt wären, solche Positionen in ihrer Bilanz zu halten, darf getrost bezweifelt werden. Die Folge einer Welt ohne NZBs wäre in der Tat, dass es keine Target-Salden mehr gäbe. Allerdings nicht, weil die Ströme nicht erfasst werden, sondern weil der Handel einbricht, wenn keine akzeptablen Vermögenswerte mehr bereitstehen um ein Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.
      Um in der Realität zu bleiben: Womit sollen die Griechen denn Importe aus Deutschland bezahlen? Das ist genau der Punkt auf den ich hinaus: Die Bundesbank „leiht“ via Target der Bank von Griechenland das Geld, damit die die Verbindlichkeiten ihrer Geschäftsbanken glattstellen kann. Du kommst nicht um die Bilanzverlängerung herum. Entweder warten die Exporteure auf Geld, oder deren Banken, oder die NZB oder eben das Eurosystem. Du kannst auch noch eine Schicht einziehen, es ändert nichts daran, dass du reale Importe nur mit realen Exporten bezahlen kannst. Ob Du die Exportmenge steigerst oder den Preis senkst ist zumindest mechanisch einerlei. Wenn beides nicht geht, weil Du nix zum exportieren hast und/oder weil Preise und Löhne nach unten starr sind, dann hast Du ein Problem: Dann kommt es zum Leistungsbilanzdefizit, was ok ist solange dein Handelspartner glaubt, dass Du nicht überschuldet bist. Jetzt bist Du blöderweise Griechenland und pleite. Griechische Vermögenswerte sind also wenig wert. Wieso sollte ich noch etwas an Dich exportieren?
      Und hier kommt das Eurosystem und erzeugt mit Target eine Bilanzverlängerung, die die fehlenden Vermögenswerte ersetzt. Es beginnt das gleiche Spiel. Solange ich glaube, dass das Eurosystem stabil ist, sind auch die Target-Forderungen ihr Geld wert. Target sorgt für Handel wo sonst keiner stattfände. Eindeutig eine Transferleistung.

      Deine Behauptung betrifft, Geld, Schulden, Banken etc. seien eine soziale Fiktion ist schon ganz schön esoterisch. Versuche mal Dir Dein Leben ohne diese „sozialen Fiktionen“ vorzustellen. Du wirst feststellen, dass Geld (nicht unbedingt Euros oder Dollars) und Schulden sehr wohl real sind. Ohne Geld und Schulden hättest Du eine reine Subsistenzwirtschaft.
      Was sich auf die Peripherie so bitter auswirkt ist die Starrheit der Preise, insbesondere der Außenpreise (s.o.); das ist die Natur einer heterogenen Währungsunion, wenn gleichzeitig keine Arbeitsmobilität stattfindet. Der Klassiker von Mundell (1961) ist auch heute noch exzellentes Material dafür.

      Etwas allgemeiner: die Eurokrise ist ein Spezialfall des allgemeinen Problems von ungerechtfertigten Preisen: Importe, Exporte, Renditen, Löhne, einfach alles. Es gäbe durchaus marktgerechte Lösungen — vielmehr es hat sie gegeben. Aber die Peripherie hat sie nicht genutzt. Das heißt nicht, dass wir „die Guten“ und die „die Schlechten“ sind. In gewisser Weise sind wir „die Schlechten“, weil die Bundesregierung unter Kohl die Währungsunion durchgedrückt hat, obwohl sich viele Ökonomen dagegen ausgesprochen haben. Vielleicht sind auch die Franzosen „die Schlechten“, weil sie von Kohl die Aufgabe der D-Mark als Gegenleistung für die Wiedervereinigung wollten. Letzten Endes haben wir alle Fehler gemacht. Die Frage ist nun, wie wir da rauskommen. In der Debatte sollte alles auf den Tisch. Und die Targetsalden als simple Verrechnungsposten zu sehen, wird der Realität ebensowenig gerecht, wie das simple Schwarz-Weiß-Bild von fleißigen Deutschen und faulen Südländern.

      1. Mit deiner Beschreibung im letzten Kommentar stimme ich weitgehend überein. Einziger Unterschied ist in der Welt ohne NZBs. Heute werden Kredite durch die griechische NZB vergeben, gegen entsprechende (sicherlich nicht besonders gute) Sicherheiten. In der Welt ohne NZBs würden die gleichen Kredite dann eben durch die einheitliche Zentralbank vergeben. An der Import/Export-Situation würde das nichts ändern.

        Es ist eben nicht die Bundesbank, die das Geld ausleiht, sondern der griechische Arm des ESZB. Ohne NZBs wäre es dann die EZB selbst, die das Geld ausleihen würde.

        Ansonsten ist dein Framing der „Moral“ von Importen und Exporten immer noch problematisch. Die beiden sind ganz offensichtlich Spiegelbilder voneinander, aber trotzdem schreibst du noch so, als sei es nur die Aufgabe der Importeure, auch für Exporte zu sorgen. Das ist aber verkehrt: Auch die Exporteure müssen für einen Ausgleich sorgen. (Das ist eine moralisch/ethische Aussage.) Ansonsten haben sie in einer Union nichts zu suchen.

        Es ist sicherlich das größte Versagen der politischen Führung in Südeuropa, dass sie Deutschland immer noch nicht die Pistole auf die Brust gesetzt haben mit einer Austrittsdrohung.

        Das mit der sozialen Fiktion ist nicht esoterisch, sondern ganz zentral für die saubere Trennung von Politik und Physik, und damit zentral für politischen Wandel an sich. Allerdings ist es natürlich schwierig, das in einem doch eher kurzen Kommentar klar zu vermitteln.

        Eine einfache Illustration: Wenn 30% der Bevölkerung unterernährt sind, dann kann das verschiedene Gründe haben. Es kann zum Beispiel sein, dass beim besten Willen nicht genug Nahrung produziert werden kann, sei es wegen Überbevölkerung, sei es wegen miesem Wetter (z.B. sehr lange anhaltende Hitzewellen) oder ähnlichen unerwarteten Problemen.

        Es kann aber auch sein, dass genug Nahrung zur Verfügung ist, aber 30% der Bevölkerung verschuldet ist und sich deswegen nicht genug Nahrung kaufen kann.

        Im ersten Fall hat man ein klares physikalisches Problem, dem gegenüber man im Zweifel einfach vollkommen hilflos ausgeliefert ist. Selbst ein gutmütiger Diktator könnte nicht weiterhelfen.

        Im zweiten Fall entsteht das Leid nur durch eine soziale Fiktion. Geld ist ja bekanntermaßen nicht real, sondern eben eine soziale Übereinkunft, eine Geschichte, die wir uns gegenseitig erzählen und an die wir alle glauben. Das bedeutet nicht, dass Geld eine reine Halluzination wäre. Gerade dadurch, dass so viele Menschen daran glauben, hat die soziale Fiktion reale Auswirkungen. Das ist im Grunde das, was du auch schreibst. Es bedeutet auch nicht, dass Geld oder andere soziale Fiktionen unnütz oder schlecht wären (was ich so übrigens auch nicht geschrieben habe).

        Aber im zweiten Fall könnte ein gutmütiger Diktator das Problem lösen. Das ist der Unterschied zwischen physikalischer Realität und sozialer Fiktion.

        Das Ziel von Politik sollte sein, auf demokratischem Wege alle Probleme zu lösen, die auch ein gutmütiger Diktator lösen könnte.

  2. Nachtrag: Mit „Geld ist nicht real“ meine ich „Geld hat keine physikalische Realität“. Wir können die Regeln, nach denen Geld funktioniert, beliebig ändern – wenn wir das wollen. Das ist im Gegensatz zu physikalisch realen Dingen, deren zugrunde liegenden Regeln wir eben nicht ändern können.

Kommentare sind geschlossen.