It`s the prices, stupid!

Das Briefing über die Europeripherie im aktuellen Economist präsentiert einige schöne Zahlen für Spanien, Italien, Portugal, Griechenland und Irland. Sinkende Primärdefizite, verbessertes Geschäftsklima, steigende Leistungsbilanzüberschüsse (bzw. sinkende LB-Defizite) und vor allem sinkende Lohnstückkosten. Tenor: Da ist viel passiert, jetzt sollte Deutschland auch etwas für die Peripherie tun.

Sinkende Primärdefizite sind eine feine Sache, aber das brachial mit dem hektischen Zusammenstreichen des öffentlichen Sektors zu erreichen ist nicht unbedingt der Königsweg. Versteht mich nicht falsch, die Peripherie muss sehr deutlich ihren aufgeblähten öffentlichen Sektor zurückschrauben (wir übrigens auch), aber das in einer Rezession zu tun ist bestenfalls dämlich. Die Konsequenz dieser „belated austerity“ ist nur Arbeitslosigkeit, sinkender Konsum in der kurzen Frist und eine Abwärtsspirale. Ob man angesichts 50% Jugendarbeitslosigkeit in Spanien das sinkende Primärdefizit bejubeln sollte? Ich denke nicht.

Verbessertes Geschäftsklima ist auch toll. Falls denn überhaupt Investitionen getätigt werden (In der Peripherie sinken die Investitionen, EZB-Daten). Wenn nicht ist das Augenwischerei. In diesem Licht sind auch die „verbesserten“ Leistungsbilanzsalden der Peripherie zu sehen. Die Dinger haben zwei Seiten. Da ist die offensichtliche Seite, die hauptsächlich auf Nettoexporte von Waren und Dienstleistungen zeigt. Die kann sich aber nicht nur „verbessern“, in dem die Exporte steigen sondern auch indem die Importe sinken – typisch für schrumpfende Volkswirtschaften. Das bemerkt der Economist noch. Aber die Leistungsbilanz hat eine noch viel subtilere Eigenschaft – ihre Schwester in der Zahlungsbilanz ist die Kapitalbilanz, die die internationale Investitionsposition misst. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der Leistungsbilanzsaldo und der Kapitalbilanzsaldo gleich hoch, mit jeweils umgekehrtem Vorzeichen. „Verbesserte“ Leistungsbilanzbilanzsalden bedeuten eine „Verschlechterung“ der Kapitalbilanzsalden: Die Investitionsmöglichkeiten im eigenen Land sind so mies, dass selbst die eigenen Bürger ihre Knete lieber im Ausland anlegen. Was nützt da noch ein verbessertes Geschäftsklima?

Der größte Selbstbetrug ist aber das Sinken der Lohnstückkosten als Erfolg und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu feiern. Wie jedes Verhältnis zweier Zahlen können auch die Lohnstückkosten sinken, wenn der Nenner steigt – dann wäre es gut. Der Nenner ist aber das BIP und das sinkt in der Peripherie gerade. Damit die Lohnstückkosten sinken muss also der Anteil des Arbeitseinkommens am Volkseinkommen stärker sinken als das BIP. Das funktioniert recht gut, wenn man unproduktive Arbeitnehmer entlässt. Ist das dann aber ein Zeichen für steigende Wettbewerbsfähigkeit, wenn die Wirtschaft nicht in der Lage ist das Arbeitsangebot zu nutzen? Ganz im Gegenteil. Von den Effekten auf das Selbstwertgefühl und Humankapital der Entlassenen ganz zu schweigen.

Kurz: Der Economist interpretiert die Zahlen aus der Europeripherie völlig falsch. Daher ist auch seine Schlussfolgerung völlig absurd, Deutschland sollte einen Teil seiner Wettbewerbsfähigkeit weginflationieren – nicht nur weil künstliche Inflation ordnungspolitisch falsch ist. Allerdings setzt das an der richtigen Größe an, den Preisen. Wenn man sich die Preise ansieht, dann ist relativ schnell klar, warum die Eurozone in der aktuellen Konfiguration nicht funktionieren kann.

Nehmen wir Griechenland als Beispiel. Die Griechen brauchen um wieder wettbewerbsfähig zu werden ein Absinken des Preis- und Lohnniveaus auf den Stand, der kompatibel zu ihrer Kapitalausstattung ist. Diese deflationäre Anpassung geht normalerweise auf zwei Arten: Extern über das Sinken des Wechselkurses oder intern über das Senken von Löhnen, Preisen und hohe Arbeitslosigkeit bei Rezession. Die erste Variante funktioniert nicht und die zweite ist – nunja – keine ernstzunehmende Alternative. Auf der anderen Seite sorgt die Deflation aber dafür, dass die Schuldenlast für Griechenland noch untragbarer wird. Um die Schulden los zu werden, bräuchte es Inflation. Es gibt also einen prinzipiellen Zielkonflikt zwischen Schuldenabbau und Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit.

Selbst wenn Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit weginflationieren würde – das Preisniveau in Griechenland müsste trotzdem sinken, weil es inkompatibel hoch zur Kapitalausstattung ist. Damit wäre nichts erreicht.

Es bleiben nur die Möglichkeiten, dass Griechenland den Zahlungsausfall erklärt und in der Eurozone verbleibt. Dann könnte es die interne Abwertung weiterführen und müsste sich keine Gedanken um die Verschuldung machen – aber das würde bedeuten, dass die Deflation, Rezession und Arbeitslosigkeit in Griechenland weitergeht. Die andere Option ist der Austritt (und damit verbunden ebenfalls ein Default). Dann würde Griechenland nicht mehr von den Stützungsmaßnahmen der EZB profitieren, aber die Abwertung könnte extern stattfinden. Vor anderthalb Jahren war ich noch anderer Meinung, aber inzwischen ist der Austritt Griechenlands wohl die einzig sinnvolle Option. Ob das auch für den Rest der Peripherie gilt?

Wie siehst Du das? Gibt es noch andere Möglichkeiten? Sollten Spanien, Italien, Portugal und Irland ebenfalls den Weg der externen Abwertung gehen? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.