Ist der Finanzsektor zu groß?

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade vom Wirtschaftswurm.

„Ist der Finanzsektor zu groß?“ ist eine dieser Fragen, die uns Ökonomen von „Normalsterblichen“ nur allzu gerne gestellt wird. Ein guter Ökonom antwortet zunächst: „Nun, das kommt darauf an…“

Es kommt darauf an, wie man die Größe des Finanzsektors messen möchte. In Milliarden Euro? Das ist höchstens dazu geeignet mit aussagelosen Zahlen jenseits aller Vorstellungskraft (auch meiner) um sich zu werfen und Angst, Ablehnung und Ressentiments zu schüren. Relativ zum BIP? Dann bekommt man nur eine Zahl zwischen 0 und 1, die man ohne weiteres ökonomisch nicht interpretieren kann. Auch hier besteht die Gefahr des medialen Missbrauchs. Relativ im BIP im Vergleich zu anderen entwickelten Volkswirtschaften? Wird besser, ist aber immer noch schwierig zu interpretieren. Die Finanzsektoren Deutschlands und Großbritanniens könnten aus mikroökonomischen Gründen heraus unterschiedliche optimale Größen haben.

Die Frage „Ist der Finanzsektor zu groß?“ ist für eine ökonomische Analyse schlecht geeignet. Im Vergleich wozu zu groß?  Wieso überhaupt „zu“ groß? Diese implizite Annahme ein großer Finanzsektor sei schlecht ist unwissenschaftlich. Die Fragestellung will eine wissenschaftlich begründete Antwort, gibt aber die erwünschte Antwort schon vor. Eine präzisere und wissenschaftlichere Fragestellung wäre: „Welche Auswirkungen hat die Größe des Finanzsektors auf seine Effektivität und Effizienz das Ersparnisangebot und die Kreditnachfrage zu koordinieren?“.

Blöderweise ist diese Formulierung aber nicht griffig. Dafür vermeidet Sie aber eine implizite Wertung und wird der Wissenschaftlichkeit gerecht. Zweifellos hat der Wirtschaftswurm die griffige Variante nicht aus Unwissenschaftlichkeit sondern aus – nun ja – Griffigkeit heraus gewählt. Mir geht es auch hier nicht um die spezifische Frage, ob der Finanzsektor zu groß ist, sondern um die vorherrschende Art und Weise mit ökonomischen Fragestellungen umzugehen, sei es in den Medien oder im Gespräch mit Nicht-Ökonomen. Wir Ökonomen sind dahingehend einem Dilemma ausgesetzt. Entweder wir erklären, warum die Fragestellung blöd ist und erklären wie es besser geht, stellen ein paar Annahmen auf und erläutern dann die modifizierte Fragestellung, nur um dann festzustellen, dass unser Gegenüber das Interesse verloren hat. Oder wir nutzen den kurzen Zeitraum der Aufmerksamkeit und versuchen soviel Schlaues wie möglich auf die eigentlich dämliche Frage zu antworten, wobei aber die Wissenschaftlichkeit leidet.

Um meine modifizierte Frage positiv beantworten zu können, bräuchte ich Daten über die Größe des Finanzsektors, das BIP, das regulatorische Umfeld, die Geldpolitik der Zentralbank, diverse makroökonomische Einflussgrößen und über die Effektivität und Effizienz des Finanzsektors. Während die erklärende Variable und die Kontrollvariablen noch recht einfach zu messen und aufzutreiben sind, ist das bei der erklärten Variable schon etwas schwieriger. Wie messe ich Effektivität und Effizienz? Effektivität vielleicht über den Investitionsbedarf der Unternehmen im Verhältnis zur Kreditmenge an die Unternehmen? Effizienz vielleicht über die Höhe der Zinsen oder die durchschnittliche Zeit von Kreditantrag bis Kreditbewilligung? Solche ökonometrischen Analysen brauchen Zeit. Daher belasse ich es bei der Idee und wende mich einer normativen Analyse zu.

Nein, der Finanzsektor ist nicht zu groß. Er ist genauso, wie ihn die Politik und die Wähler wollten – auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst sind. Würde der Finanzsektor als „zu groß“ wahrgenommen, hätte die Politik schon längst etwas unternommen, um ihn zu verkleinern. Das dann allerdings völlig unabhängig davon, ob eine etwaige positive Analyse von oben ein solches Vorgehen ökonometrisch stützt oder nicht. Das ist eine allgemeine Erkenntnis, die nicht nur den Finanzsektor betrifft sondern alle Bereiche des Wirtschaftsgeschehens. Insofern ist die Frage, ob der Finanzsektor zu groß ist vom aggregierten Standpunkt aus stets zu verneinen, während die individuellen Meinungen sehr wohl auseinander gehen können. Ich würde nicht sagen, dass ich den den Finanzsektor in Bezug zum Anteil am BIP zu groß finde. Verglichen mit den Umsatz-Gewinn-Verhältnisses anderer Branchen fällt der Finanzsektor eigentlich überhaupt nicht aus dem Rahmen.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

3 Gedanken zu „Ist der Finanzsektor zu groß?“

  1. Interessant hierzu wären Zahlen hierzu Umsatz/Gewinn im Vergleich zu anderen Sektoren und Anteil am BIP im Vergleich zu anderen Sektoren.

    Insbesonders des historische Verlauf wäre auch eine interessante Betrachtung.

  2. Ich finde die Fragestellung an sich falsch. Ob der Finanzsektor zu groß oder zu klein ist würde ich als relativ irrelevant bezeichnen. Die Frage ist eher und das hat dann mit der „Größe“ an sich ja nichts zu tun, ob die dort handelnden sich an die Spielregeln halten, ob die Spielregeln ausreichend sind und vor allem ob diese Spielregeln der Gesellschaft zum Vorteil gereichen oder eher zum Nachteil.

    Momentan sind sowohl Wirtschaft wie auch Finanzsektor weit entfernt davon zum wohle und zum Vorteil der Gesellschaft, des Menschen zu wirken. Es ist eher anders herum, der Mensch hat zu funktionieren und sich unter und einzuordnen.

    Das ist zumindest meine Sicht der Dinge, so als kleiner Mensch der ansonsten von dem Finanzzeugs keine Ahnung hat.

  3. Ich finde die Frage durchaus relevant. Größere Finanzsektoren können(!) durch bessere Skalenerträge und höhere Liquidität besser Kapital zu den innovativen Unternehmen bringen und Refinanzierungsunsicherheiten verringern.
    Das mit den Spielregeln ist so eine Sache. Auf der einen Seite brauchen wir Regeln, um insbesondere das systemische Risiko zu minimieren, Ansteckung zu vermeiden, usw. Aber auf der anderen Seite dürfen diese Spielregeln nicht den Banken das Geschäft kaputtmachen. Und drittens – das vergessen viele – sind gut gemeinte Regeln oder Regeln die (auch für mich) auf den ersten und zweiten Blick sehr logisch und vernünftig klingen, manchmal weder effektiv noch effizient. Da braucht es viel Analyse. Und unter dem „Vorteil für die Gesellschaft“ stellt sich wohl jeder etwas anderes vor. Für mich ist es technischer Fortschritt, möglichst hohes Beschäftigungsniveau und verantwortungsvoller Ressourcenumgang. Du setzt vermutlich andere Prioritäten. Wer von uns hat recht? Beide und keiner.

    Daher finde ich eine pauschale Aussage wie „Momentan sind sowohl Wirtschaft wie auch Finanzsektor weit entfernt davon zum wohle und zum Vorteil der Gesellschaft, des Menschen zu wirken. Es ist eher anders herum, der Mensch hat zu funktionieren und sich unter und einzuordnen.“ zu einseitig und nicht zielführend. Warum findest Du das? Was würdest Du anders haben wollen? Und wie? Was sind die Folgen?

    Es gibt da draußen jede Menge sehr gute Blogs, online-Kurse, etc., die über das „Finanzzeugs“ verständlich, wissenschaftlich und neutral informieren. Es nutzt jedem – auch und gerade der Gesellschaft – wenn Du etwas mehr darüber weißt.

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