Inflation ist nicht gleich Inflation

Die EZB wird am Montag (9.3.) mit ihrem QE-Programm beginnen, offiziell weil die Inflationsrate zu niedrig ist. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie ein QE-Programm einer Zentralbank mit niedrigen Inflationsraten oder Deflation begründet werden kann.

Dem liegt meines Erachtens ein Missverständnis über die Natur der Inflation zu Grunde. Genauer, über die Doppelnatur der Inflation.

Sie ist zum einen die Korrektur von ungleichgewichtiger Nachfrage und Angebot. Wird zu wenig angeboten, steigen die Preise um die Nachfrage einzudämmen. Wird zuviel produziert, fallen die Preise, um zusätzliche Nachfrage bedienen zu können.

Inflation (oder Deflation) ist hier also der Ausgleichsmechnismus, um Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen. Die Preisanpassung inflationiert das reale Produktionsniveau oder deflationiert es.

Diese Art der Anpassung ist essentiell für das Funktionieren einer Marktwirtschaft. Inflation entsteht also als Preisbewegung zum Ausgleich von Unterschieden in Produktionsänderungen und Konsumvorlieben.

Die Preisanpassung ist allerdings hier nur eine nominale Ausprägung der Wirtschaftsaktivität, kein Instrument an dem man herumdrehen könnte – oder in VWL-Sprech: die Inflationsrate ist endogen.

Eine positive Inflationsrate zeigt lediglich, dass offenbar mehr Nachfrage als Angebot da ist, was für die Unternehmen einen Anreiz ist mehr zu produzieren. Anders ausgedrückt: Nicht höhere Preise sondern erhöhte Nachfrage, sorgt für die Angebotsausweitung. Die Inflation ist nur ein Anzeichen, das aber auch genauso gut durch das Gegenteil hervorgerufen werden kann: Immerhin steigen Preise auch, wenn das Angebot fällt. Inflationsraten als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung zu verwenden ist einfach nicht möglich, weil die Interpretation nicht eindeutig gegeben ist.

Solange diese Preisanpassungen moderat bleiben, besteht keine Gefahr eines sich selbst verstärkenden Prozesses einer Spirale der Geldentwertung oder des Nachfragezusammenbruchs. Bei Inflationsraten von 3% in Panik zu verfallen und „Weimar! Weimar!“ zu rufen ist genauso falsch wie bei kurzzeitig geringen oder negativen Raten hysterisch das Schreckgespenst der Großen Depression heraufzubeschwören.

Die andere Natur der Inflation ist die Reaktion der Preise auf eine Änderung der Geldmenge. Wenn sich die umlaufende Geldmenge überproportional zur wirtschaftlichen Aktivität ändert, muss sich das Preisniveau ändern. Hier kommt die Zentralbank ins Spiel, die diese Entwicklung beobachten und gegensteuern muss.

Wenn die EZB jetzt behauptet mit QE die Inflationsraten in der Eurozone in Richtung der Zielmarke von zwei Prozent zu bewegen, dann halte ich das für ein vergleichsweise schwieriges Unterfangen. Dazu müsste sie die Geldmenge direkt erhöhen, also neue Staatsanleihen kaufen, was sie nicht darf und auch nicht tut. Und auch dann hätte das nichts mit der realen wirtschaftlichen Aktivität zu tun, da sie damit nur die „Geldmengeninflation“ erhöhen würde, nicht aber die Inflation, die als Ausgleich von Angebot und Nachfrage entsteht und lediglich Indikator aber nicht Instrument ist. Die Realwirtschaft in der Eurozone wird sich nur erholen, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind, was in den meisten Ländern Strukturreformen erfordert.

QE mit Inflationsraten zu begründen ist einfach nur ein Schild, damit für die Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, die EZB handele innerhalb ihres Mandats. In Wahrheit hat die EZB keinerlei Möglichkeit die reale wirtschaftliche Aktivität maßgeblich zu beeinflussen – konzeptionell hat das keine Zentralbank, weil es hier nur um nominale Größen geht. Man kann der EZB keinen Vorwurf machen, dass das nicht klappen wird. Sie kann aber auch wegen ihrer Statuten nicht so ehrlich sein, QE als das zu bezeichnen was es ist, nämlich monetäre Staatsfinanzierung. Letzten Endes ist das QE Programm der EZB nur der verzweifelte Versuch, Europa aus der Misere zu helfen, gleichwohl wissend, dass das nur durch Strukturreformen funktionieren kann, die durch fallende Renditen auf Staatspapiere nun einfacher werden sollen. Das ist das übliche „Zeit kaufen“ der Zentralbank, wobei es nach wie vor bei den Regierungen liegt, die nötigen Reformen durchzuführen. Ob da was draus wird, wird in Paris, Rom und Madrid entschieden.

Die Bundesregierung sollte die fallenden Renditen auf Bundesanleihen dazu verwenden alte, höher rentierende Schulden abzulösen. Das dadurch eingesparte Geld kann man prima in die Infrastruktur stecken – z.B. in Rheinbrücken bei Mainz – oder in den Ausbau von Breitbandinternetversorgung oder Kindertagesstätten, in dem man Unternehmen steuerlich fördert, die eine betriebliche KiTa haben, oder oder oder…

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.