Game of Chicken mit Hintergedanken

Griechenland hat die Eurozone seit Beginn der Schuldenkrise 2010 in ein Game of Chicken gezwungen – wer zuerst blinzelt hat verloren, aber einer muss blinzeln, sonst verlieren beide. Die griechische Regierung unter Ministerpräsident Tsipras hat das Spiel nun noch einmal verschärft. Da stellt sich nun die Frage, ob Tsipras wirklich noch ein Game of Chicken spielt oder ob wir uns nicht längst in einer Variante des Spiels befinden, in der zwar beide verlieren wenn keiner blinzelt, aber der Verlust für Griechenland deutlich niedriger ist als für die Eurozone – scheinbar zumindest.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass Tsipras auf die „Outside Option“ des Greccidents schielt, um den gewünschten Schuldenschnitt zu bekommen, auch wenn das die Reputation Griechenlands weiter beschädigen wird – wenn das überhaupt noch geht. Der Schaden für die Eurozone indes wäre allerdings deutlich höher, weil sie ihre Regeln gegenüber einem Mitglied nicht durchsetzen kann. Warum Griechenland nach einem Greccident – also dem unfreiwilligen Zahlungsausfall – aber den Euro verlieren sollte, erschließt sich mir nicht. Nachdem der Schuldenberg bereinigt ist, hätte Griechenland keinen Anreiz aus der Gemeinschaftswährung auszutreten und alle Vorteile aufzugeben. Ein Rauswurf aus dem Euro ist ohnehin noch weniger vorgesehen, als der freiwillige Austritt. Das ist die griechische Outside Option: Verhandlungen scheitern lassen, Zahlungsausfall erklären, Schulden verschwinden lassen aber den Euro behalten und als Krönung die Verantwortung für dieses „Desaster“ der deutschen Bundesregierung, der EZB, der Kommission und dem IWF in die Schuhe schieben.

Griechenland verliert immer noch an Reputation und den Zugang zu den Kapitalmärkten – immerhin ist es ein Game of Chicken – aber durch die Outside Option kann es zumindest einen Teil seiner Pläne erfüllen und den Schaden für die Eurozone erhöhen, was die Verhandlungsmacht erhöht. Nur so lässt sich erklären, wie das kleine Griechenland seit nunmehr fünf Jahren die Währungsunion beschäftigt.

Ich vermute, dass es entweder auf die Outside Option des Greccident hinausläuft oder eine weitere Aushöhlung der Regeln der Währungsunion, weil die Institutionen dann doch zuerst blinzeln. So oder so, sind das keine besonders guten Aussichten.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

4 Gedanken zu „Game of Chicken mit Hintergedanken“

  1. Vor ein paar Jahren hätte ich dir noch Recht gegeben. Der Austritt eines Mitgliedes der Eurozone hätte wahrscheinlich zum Zusammenbruch dieser geführt. Heute sehe ich das anders. Der Grund ist, dass sich die Erwartungen verändert haben. Damals hatten alle Angst vor der „Ansteckung“ anderer Nationen. Heute ist der Austritt Griechenlands längst als Szenario durchgespielt worden. Die Erwartungen sind anders. Meiner Meinung nach, ist ein Exit Griechenlands weit weniger gefährlich als vor 5 Jahren. Griechenland hat wesentlich mehr zu verlieren. Zwar könnte man bei einem Austritt die Schulden verschwinden lassen und einseitig im Euro verbleiben, aber wie soll der Staat sich zukünftig finanzieren? Von den internationalen Kapitalmärkten wird nichts kommen, die Normalbevölkerung hat kein Geld mehr und die Elite lässt es lieber im Ausland. Dies ist ja auch aktuell das Problem. Selbst wenn man Griechenland weiterhin Geld gibt, wird das Problem nur in die Zukunft verschoben. Für die Politik ist es doch heutzutage schon schwierig weitere Zahlungen vor den einheimischen Wählern zu rechtfertigen. Nicht nur in Deutschland. Die Iren, Spanier und Portugiesen sagen nicht umsonst, wir haben harte Reformen durchgesetzt, warum sollen für Griechenland andere Regeln gelten? Slowaken, Esten oder Letten fragen sich, warum sollen sie für ein Land zahlen, wo sie doch selbst ärmer sind. In Griechenland funktioniert fast nichts. Im Prinzip muss ein funktionsfähiger Staat erstmal aufgebaut werden, aber stattdessen werden endlose Debatten um Kompetenzen oder Reparationszahlungen geführt. Stand jetzt, hat die griechische Regierung die gesamte Eurozone gegen sich aufgebracht. Meiner Meinung nach, wird Griechenland in absehbarer Zeit die Eurozone verlassen. Es sei denn, man akzeptiert die Forderungen der Troika (oder jetzt Institutionen), bekommt nochmals finanzielle Hilfe und fängt endlich an, einen funktionierenden Staat aufzubauen. Ich denke ein Austritt Griechenlands hat bei den meisten Politikern den Schrecken verloren. Die sehen möglicherweise sogar eine Chance darin, was die zukünftige Kooperation der verbliebenden Mitglieder angeht. Der Schaden für Griechenland wird hingegen immens sein und wieder wird es hauptsächlich die einfache Bevölkerung treffen. Die Versorgung mit Medikamenten und Nahrungsmitteln ist zur Zeit schon schwierig zu gewährleisten. Bei einem Austritt Griechenlands dürfte es unmöglich werden eine Versorgung garantieren zu können.

    1. Du hast ja recht. Die komplette Situation ist völlig verfahren.

      Das hindert Tsipras aber nicht daran auf die Outside Option zu setzen, oder?
      Natürlich muss Griechenland für eine langfristige Lösung ein funktionierendes Staatswesen aufbauen, aber Politiker sind selten an langfristige Lösungen interessiert, sondern eher daran die nächste Wahl zu gewinnen. Dann sieht man weiter.

      Je länger die griechische Regierung taktiert, desto höher wird der Wert der Outside Option. Deswegen sollte die EZB und der IWF als tonangebende Institutionen die Sache jetzt eskalieren lassen. Zumindest die EZB hat wohl gerochen, was Tsipras vorhat und hat die ELAs für Griechenland nochmal eingeschränkt.
      Schaunmermal was draus wird.

      1. Wie schon erwähnt, ich sehe Griechenland dem Austritt näher als dem Verbleib. Beim Treffen der Finanzminister scheinen – für politische Verhätnisse – sehr böse Worte gefallen zu sein. Die Situation eskaliert bereits. Ich gebe dir Recht, dass Politiker zumeist nur an einer Wiederwahl gelegen ist. Aber, zum einen bezweifel ich, dass er eine Chance auf Wiederwahl hat, sollte es zum Staatsbankrott kommen, zum anderen und darin liegt vielleicht ein Fünkchen Hoffnung, kann ich mir nicht vorstellen, dass er als Mann in die Geschichte eingehen möchte, der aus Unfähigkeit Reformen durchzusetzen den Staatsbankrott zu verantworten hat. EZB und besonders IWF werden das Spiel von Tsipras nicht mehr mitmachen. Stellt sich also nur noch die Frage nach den übrigen Euro-Staaten und da sieht es ja nicht gut aus. Zwar kann Griechenland sich vielleicht etwas Zeit erkaufen, indem man Abkommen mit Russland und China beschließt. Aber das könnte langfristig schlechteste Wahl sein.

        1. Der IWF scheint seit gestern eher der Meinung zu sein, dass Tsipras seinen Schuldenschnitt bekommen sollte.
          (Was spieltheoretisch ganz großer Mist ist…)

          Politisch könnte sich Tsipras als derjenige verkaufen, der Griechenland vom Joch der internationalen Kapitalisten und dem germanischen Spardiktat befreit hat.
          Das löst natürlich nicht Griechenlands Probleme, könnte aber Tsipras noch eine Weile den Ministerpräsidentenposten sichern.
          Und über Staatsbankrotte muss die jeweilige Regierung nicht stolpern, siehe Argentinien.

          Die vernünftigste und nachhaltigste Lösung ist simpel und einfach, dass Tsipras nachgibt und das Programm genauso schnell und umfassend durchführt wie Irland, Spanien und Portugal getan haben.
          Freilich hat er es doppelt schwer, weil ein Teil seine Abgeordneten da nicht mitmachen werden (er sollte mit To Potami und Nea Dimokratia koalieren) und zum anderen, weil GR eben schon seit 5 Jahren in der Rezession steckt. Irland und Co. haben die Reformen schlauerweise durchgeführt als die Rezession noch jung und die Bürger motiviert waren. Nichts desto weniger, selbst mit einem Schuldenschnitt hat GR in ein paar Jahren wieder das selbe Problem, wenn es nicht reformiert wird. Das muss Tsipras verstehen. Oder Griechenland geht unter. Mit oder ohne zweifelhaften Deals mit China oder Russland.

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