Finger weg vom Inflationsziel

Es gibt da draußen eine Gruppe von – durchaus namhaften – Politikern und Ökonomen, die offen fordern, die EZB möge ihr Inflationsziel von knapp unter 2% über Bord werfen und Inflationsraten von 4-6% zulassen, um die Schuldenbekämpfung zu erleichtern. Darunter befinden sich Ökonomen wie Olivier Blanchard und Kenneth Rogoff. Dass auch ein ZEIT-Kolumnist vor drei Jahren in das selbe Horn stieß bestätigt mich nur in meiner Meinung über die ZEIT.

Nun ist es einfach, auf die 1920er Jahre zu deuten und die Hyperinflation als das zentrale ökonomische Trauma der Deutschen als Begründung für die Ablehnung höherer Inflationsraten heranzuziehen. Doch es geht auch mit zeitgemäßen Argumenten.

  1. Ja, es gibt preistreibende Schocks, die die Inflation völlig ohne Zutun der Zentralbanken in die Höhe treiben. Und völlig egal, wie hoch das Inflationsziel ist: Irgendwann muss die Zentralbank gegensteuern. Ob das bei zwei, zweieinhalb, vier oder sechs Prozent ist, ist völlig unerheblich. Die Zentralbanken wissen vor allem um die psychologische Bedeutung des Ziels. Sie erzeugt glaubwürdige Erwartungen und damit stabile Pläne der Marktteilnehmer. Je mehr Inflation sie zulassen würde – sprich, je höher das Inflationsziel wäre – desto unsicherer, kurzfristiger und volatiler würden die Pläne der Marktteilnehmer sein. Ich bezweifle, dass das positiv für die Geldwertstabilität wäre.
  2. Kritiker des starren Inflationsziels der EZB sagen, dass die Zahl willkürlich sei, zu unflexibel, eine Revision an heutige ökonomische Gegebenheiten sei überfällig. All diese Stimmen sagen damit implizit, dass die Inflationsrate ein geldpolitisches Instrument wäre, das neu zu kalibrieren wäre. Aber die Inflationsrate ist kein geldpolitisches Instrument. Das lehrt die Geschichte – und der gesunde Menschenverstand.
  3. Verordnete Inflation, um Regierungen zu stützen, die zu dumm sind ihre Haushalte in Ordnung zu bringen – die Bundesregierung bildet hier keine Ausnahme – ist Verrat am Bürger. Gerade weil es die Bürger sind, die mit ihrer Arbeit die Wirtschaftsleistung erst erzeugen, die Regierungen verteilen wollen, dürfen deren Sparguthaben nicht der Inflation vorgeworfen werden. Diese Sparguthaben – in Deutschland etwa 1,6 Billionen Euro – sind auch die Kredite, die die Banken Unternehmen gewähren, damit diese investieren können. Höhere Inflation hätte also durch den schnelleren Geldumlauf verringerte Sparguthaben zur Folge, die folglich nicht für unternehmerische Investitionen zur Verfügung stehen. Um kurzfristige Probleme zu „lösen“, schafft man sich langfristige Probleme.

Es ist den weisen – manche Blogger von der ZEIT sagen „langweiligen“ – Bundesbankern zu verdanken, dass die EZB die Inflationsrate über das feste Ziel als Stabilitätsanker und nicht als kaum kontrollierbares, gefährliches Steuerungsinstrument verwendet. Eine Aufgabe, eine Revision des Inflationsziels oder sogar nur das bloße Darübernachdenken von EZB-Direktoren könnte die Glaubwürdigkeit der EZB nachhaltig beschädigen. Und eine unglaubwürdige Zentralbank ist wirklich das allerletzte, was die Eurozone jetzt gebrauchen kann.

Was denkst Du? Hat Kenneth Rogoff recht und ein höheres Inflationsziel könnte helfen, die Eurokrise zu beenden oder macht es die Sache nur noch schlimmer?

UPDATE  (23.9.2011, 10:40 Uhr): Habe diesen Artikel gerade in leicht veränderter Form als Leserbrief an die FAZ geschickt, die heute ein ziemlich gutes Interview mit Ken Rogoff abgedruckt hat. Bis eben auf seine Inflationsthesen.

UPDATE  #2 (30.9.2011, 9:20 Uhr): Mein Leserbrief wurde abgedruckt.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.