Die Taube

Von wegen geldpolitischer Falke. Von wegen Preuße. Von wegen der beste Mann, den Europa hat.

Signore Draghi, ich bin schwer enttäuscht. Sie haben nicht nur mein Vertrauen in Sie persönlich als würdiger Präsident der Europäischen Zentralbank verspielt, sondern auch mein Vertrauen in die EZB und den Euro schwer erschüttert.

Wer drei Tage nach Amtsantritt mit der Politik des Vorgängers bricht, alle Beteuerungen auf Geldwertstabilität zu achten Makulatur werden lässt, der zeigt, dass ihm nicht zu trauen ist. Das alleine ist schon schwerwiegend genug. Aber als Zentralbankchef geradezu fahrlässig.

Bei einer Inflationsrate von 3% hätte der EZB-Rat eigentlich die Leitzinsen erhöhen müssen. Nun befindet sich die Eurozone in einer wirklich grauenhaften Lage und die EZB steht wohl als einzige Institution noch bereit den Euro zu retten. Das ist alles richtig und erklärt warum sich Ökonomen mit Kritik am Anleihekaufprogramm zurückhalten, obwohl es der guten Praxis einer Zentralbank widerspricht.

Ich hätte es verstanden, wäre der Leitzins bei 1,5% verblieben, aber eine Zinssenkung ist angesichts des Inflationsniveaus wirklich nicht drin. Zumal die Eurokrise (wie alle Krisen) nicht mit billigem Geld gelöst werden kann, sondern nur durch entschiedenes politisches Handeln. Griechenland – und ja, vielleicht auch Italien, wenn es hart auf hart kommt – muss den Zahlungsausfall erklären, um seine Schuldenlast zu senken. Dann erst ist die Stunde der EZB als Lender of last resort gekommen, um rettenswerte Banken aufzufangen.

Das Handelsblatt zieht zu Recht den Vergleich mit Alan Greenspan, dessen jahrzehntelange Billigdollarpolitik die Finanzkrise von 2007 erst ermöglicht hat. Ich verstehe nicht, wie man immer noch meinen kann, antizyklische Geldpolitik löst Probleme. Billiges Geld bringt nur die nächste Blase hervor, deren Platzen dann mit noch mehr billigem Geld aufgeräumt werden soll.

Ich plädiere schon etwas länger für eine rein regelgebundene Geldpolitik, die den Politikern und Zentralbankern keine Möglichkeit zur Intervention lässt. Das wäre verlässlich, vorhersagbar und frei von irgendwelchen politischen Agenden. Zugegeben, auch eine solche harte Regelbindung hat Schwächen, aber nichts davon wiegt den Vorteil auf völlig politisch und ideologisch unabhängig zu sein. Doch offensichtlich muss die Eurozone erst mit einem lauten Knall untergehen, bevor man sich bewusst wird welch zerstörerische Wirkung billiges Geld hat und die Politik aus dem Zentralbankhandeln herauszulassen – alleine das Wort Geldpolitik ist schon verräterisch.

Ich schreibe diesen Artikel übrigens immer noch als überzeugter Eurobefürworter, doch mit dem heutigen Tag hat sich die EZB endgültig vom Erbe der Bundesbank losgesagt und geht den verhängnisvollen Weg der Fed der Banque de France und der Banca d’Italia. Und so wachsen meine Zweifel an der Aufrichtigkeit unserer Partner im Euro eine stabile Währung haben zu wollen.

Was meinst Du? Ist die Zinsentscheidung der EZB richtig oder falsch? Können wir noch Vertrauen in die Zentralbank haben?

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

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