Die Causa „Drosselkom“

Nachdem die Deutsche Telekom (DTAG) angekündigt hat die DSL-Anschlüsse ab einem gewissen Datenvolumen zu drosseln ging es im Netz hoch her: Von einem Angriff auf die Netzneutralität war die Rede. Etwas, das die Netzgemeinde – und ich auch – etwa so sehr leiden können wie Fußpilz. Nun stellt sich aber die Frage, ob eine DSL-Drosselung objektiv betrachtet tatsächlich eine Einschränkung der Netzneutralität darstellt.

Es geht der DTAG wohl nicht ausschließlich um den Schutz der technischen Infrastruktur des Netzes vor den Leechern und der Finanzierung des Netzausbaus, sondern wohl auch um zusätzliche Einnahmequellen [1] – was in der Natur eines privaten Unternehmens liegt und gar nicht zu beanstanden ist. Für mich hat das allerdings etwas von Ausnutzung der Monopolmacht. Aber das ist ein anderes Thema – wohl auch verwandt mit der Diskussion über die Natur von Monopolen. Nein, eigentlich geht es bei der Frage nach der Richtigkeit und Sinnhaftigkeit von Geschwindigkeitsdrosseln um die effiziente Bereitstellung öffentlicher Güter und damit Mikroökonomik vom Feinsten.

Die öffentlich zu Verfügung stehende Bandbreite im Internet ist ein knappes Gut. In der Theorie öffentlicher Güter ist die Bandbreite rival im Konsum und nicht-ausschließbar – also ein typisches Allmende-Gut. Für diese Güter hat Ronald Coase nachgewiesen, dass ohne Preisregulierung eine ineffiziente Übernutzung stattfindet – das ist die Tragik der Allmende oder tragedy of the commons.

Es wäre also nach dem Satz von Coase effizient, die Nutzung der Bandbreite zu bepreisen. Die marktgerechteste Lösung ist die direkte Verhandlung zwischen den Nutzern – das hat allerdings die Vernachlässigbarkeit von Verhandlungskosten als Voraussetzung. Was aber bei Millionen von Kunden kaum der Fall ist.

Daher ist die sinnvolle Variante eine progressive Bepreisung. Die ist zwar weniger marktgerecht, aber effizienter, da die Verhandlungskosten wegfallen. Eine solche progressive Bepreisung lässt sich zum Beispiel durch die Drosselung erreichen, wenn die DTAG den gedrosselten Kunden weiteren Traffic in normaler Geschwindigkeit anbietet, dann aber zu einem gewissen, höheren Preis. Ob es sinnvoll ist, die Geschwindigkeit auf Prästeinzeit-Niveau von 384 kBit/sec zu senken, sei an dieser Stelle bezweifelt. Zur Erinnerung: die ersten DSL-Anschlüsse waren doppelt so schnell.

Weiterhin sei darauf hingewiesen, dass es ähnliche Drosseln im Mobilfunk schon eine ganze Weile gibt, ohne dass es zum Untergang des Abendlandes kam. Man mag einwenden, dass die Menschen mit dem Inklusivvolumen des Mobilfunks sparsamer umgehen, weil man zu Hause am DSL-Anschluss sich alles auch später noch ansehen kann. Zumindest ich mache das so, aber ich habe keine Ahnung, ob der Rest der Menschheit da nicht vielleicht anders denkt. (Gibt es darüber Studien?)

Die Debatte über Netzneutralität hat daher nur bedingt etwas mit der Debatte über die Drosselung von DSL-Anschlüssen zu tun.

Da ergibt sich das offensichtliche Problem, dass die DTAG sowohl Serviceprovider als auch Netzeigentümer ist. Wegen der hohen Markteintrittsbarrieren für weitere Netzbetreiber hat sie auf diesem Markt ein natürliches Quasimonopol. Mit diesem Monopol ausgestattet zwingt sie andere Anbieter von Inhalten  (z.B. Googles Youtube) dazu für priorisierte Durchleitung zu bezahlen. Das ist der eigentliche Bruch der Netzneutralität.

Wohlgemerkt, ich meine Netzneutralität nicht im Sinne einer „dummen Leitung“, sondern im Sinne einer inhaltlich nicht-diskriminierenden Leitung, die aber in der Lage ist, zur Aufrechterhaltung des Netzes zeitlich zu diskriminieren. Etwa, dass ein VoIP-Anruf gegenüber einer simplen E-Mail zeitlich priorisiert. Der VoIP-Anruf ist synchrone Kommunikation und die E-Mail asynchrone Kommunikation. Ein paar Sekunden Verzögerung sind bei einer E-Mail kaum von Bedeutung. Bei einem VoIP-Anruf dagegen sogar schon ein Showstopper. Zu dieser Aufrechterhaltung des Services gehört auch, dass die zur Verfügung stehende Gesamtbandbreite effizient verteilt wird.

Die Verbindung zwischen Drosselung und Netzneutralität kommt daher nur aus der Verknüpfung von Netz und Inhalt, wie es die DTAG mit ihren T-Entertain-Angeboten macht, die jeweils nicht auf das Inklusivvolumen angerechnet werden. Das ist der eigentliche Skandal, der aus der marktbeherrschenden, weil netzbeherrschenden Stellung der DTAG rührt. Aus dieser Sicht heraus spricht einiges dafür, der DTAG das Netz wegzunehmen. Das würde ich allerdings als Enteignung der DTAG-Aktionäre bewerten, geht also nicht ohne Beschluss der Hauptversammlung. Und diese wird sich das Netz nur teuer abkaufen lassen. Daher muss die ökonomische Frage gestellt werden, wieviel uns die Netzneutralität wert ist und ob es ausreicht, der DTAG das Netz abzukaufen.

Ein weiteres, subtileres Problem ist ein Anreizproblem: Die DTAG hätte, wenn sie denn drosselt, einen geringeren Anreiz das Netz auszubauen und für mehr Gesamtbandbreite zu sorgen. Für ein Unternehmen, das sich einer gewissen Konkurrenz ausgesetzt sähe, wäre der Fall anders. Im Zweifel würden die Kunden wechseln und so einen marktgerechten Anreiz schaffen, das Netz doch auszubauen. Ein ähnlicher Effekt ist bei einem reinen Netzbetreiber (ohne Inhalte) zu erwarten – wenn die Bepreisung stimmt. Volumenabhängig bezahlt würde dieser Netzbetreiber natürlich wollen, dass möglichst viel durch sein Netz geschleust wird und eben auch die Bandbreite dafür zur Verfügung stellen. Das sind zwei der Optionen, die wir politisch besprechen sollten, anstatt uns wie wild über die „Drosselkom“ zu echauffieren.

Welche Lösung hältst Du für am sinnvollsten? Habe ich etwas übersehen? Ich freue mich auf Deine Kommentare!

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

2 Gedanken zu „Die Causa „Drosselkom““

  1. Da mich der Autor dieses Blogs auf Twitter nötigt, zu diesem doch schon etwas älterem Post Stellung zu beziehen, gebe ich meinen Senf dazu.
    Zum einen hat er zwar recht, dass die ersten Dslanschlüssel doppelt so schnell waren, wie die 384 kbit/s aber man sollte noch dazu sagen, dass diese Geschwindigkeit als Dsl light von der Telekom noch in vielen ländlichen Bereichen benutzt wird. Trifft jemanden aus einer größeren Stadt also deutlich mehr und man können mal wieder dieses leidliche Thema des Netzausbaus im ländlichen Bereich ansprechen aber das führt etwas zu weit.
    Bei diesem Thema mache ich mir meine Argumentation relativ einfach, entweder eine Drosselung alle Dienste, inklusive Entertain (was mich als Entertainnutzer doch sehr stören würde aber egal) oder keine Drosselung. Auch nicht auf die 2mbit/s, die wohl die aktuelle Zahl sind.
    Das die Telekom gerne ihr Netz zu einem Next Generation Network (diesen Begriff muss ich immer googlen, um zu sehen, ob es ihn wirklich gibt) ausbauen würde, ist keine Frage, ob es einen Mehrwert für die Kunden hat eine andere. Und ob sich so Verlustgeschäfte wie den Einstieg in den US Mark ausgleichen lässt ist wieder eine weitere Frage.
    Und so bleibt am Ende offen, wie unser altbekanntes Internet ab dem Jahre 2016 aussieht. Gedrosselt und wo es nur geht eingeschränkt, ohne Netzneutralität, Diestleistung wie Youtube beschnitten und ein ganzer wirtschaftlicher Sektor(Onlineplatformen für Programme,Spiele Filme usw.), der darauf aufgebaut ist, dass eine größtmögliche Zahl an Haushalten Breitbandinternet hat und dieses auch voll nutzen kann, zumindestens in Deutschland am Boden oder noch so wie heute, als wirtschaftliche Faktor mit immer noch immensen Potential.
    Man kann dieses Thema noch unendlich weiter spinnen, sei es die Frage, um Mehrpersonenhaushalte und deren Internetbenutzung oder wie weit Internet sich für uns zu einem Grundgut entwickelt hat.
    Aber ein Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen, gedrosseltes Internet könnte dazu führen, dass es für die NSA weniger zu überwachen gibt.

    Aldous Huxley entlieh sich den Titel seines bekanntesten Buches „Brave New World“ bei einem Shakespeare Zitat, dass ich bei so etwas gerne als Schlusswort benutze: „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“

    p.s. Rechtschreib- und grammatikalische Fehler sind durch die Temperatur bedingt um mir relativ egal, genauso, ob der Text eine gewisse Stringenz besitzt.

    1. Ich hab Dir nur geholfen, Deine Faulheit zu überwinden 😉

      Das Problem mit der DTAG ist die Verknüpfung von Netz und Inhalten. Dasselbe gilt auch im Mobilfunk und dort auch bei Vodafone. Es gilt auch bei den Kabelanbietern.
      Um Konkurrenz und damit korrekte Bepreisung der Bandbreite zu erreichen müssen wir die Inhalte und das Netz wirtschaftlich, rechtlich und organisatorisch trennen.

      So oder so, wir das Internet der Zukunft anders aussehen als heute. Ob besser oder schlechter wird sich zeigen.

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