Antwort auf Nicolais Bemerkungen zu „Klarstellung zu Transfers“

Nicolai hat meinen letzten Artikel zu Transfers zum Anlass genommen, etwas zu einem kleineren Punkt des Artikels zu schreiben. Ich schrieb, dass ich die Targetsalden für implizite Transfers halte, dem Nicolai in seinem Blog widersprach. Sein Artikel: http://nhaehnle.blogspot.de/2013/07/transferzahlungen-und-targetsalden.html

Weil das Kommentarsystem von Blogspot unglaublich erbärmlich ist (Nur 4096 Zeichen; kommt weder mit meiner WordPress-OpenID noch mit meinem Google-Konto klar), habe ich auf seinen Kommentar hier im Blog geantwortet. Meine Ausführungen sind aber etwa länger geworden und da dachte ich mir ich kann es auch gleich als Artikel posten – leicht redigiert, versteht sich.

Nicolai schreibt, dass der Targetüberschuss der Bundesbank die Nettoüberweisungen der Rest-Eurozone nach Deutschland widerspiegelt. Stimmt soweit.
Weiterhin seien die Targetsalden nur ein Verrechnungsposten. Stimmt so halb.
Worauf er hinaus will, ist (imho) die Spiegelbildlichkeit von Leistungsbilanz und Kapitalbilanz. Jedem Posten der Leistungsbilanz steht ein gleich hoher negativer Posten in der Kapitalbilanz gegenüber. Deutschland importiert in der Tat Vermögenswerte.
Nicolai bleibt aber leider bei der (völlig richtigen) oberflächlichen Interpretation stehen. Das Problem geht aber noch weiter.

Zunächst müssen wir uns fragen, was diese Vermögenswerte tatsächlich wert sind. Nun, Targetforderungen gegenüber dem Eurosystem sind solange sicher, wie der Euro hält und kein Mitglied ausfällt. Dann müsste das Eurosystem für die ausgefallenen Targetforderungen ggü dem betreffenden Land abschreiben und die Verluste tragen die restlichen Euroländer nach dem jeweiligen Kapitalanteil am Eurosystem.
Aber das ist gar nicht das Problem.

Das Problem liegt in der Natur von Vermögenswerten. Derselbe Grund macht auch die Interpretation der Kapitalbilanz so unintuitiv.
Ich verkaufe Nicolai irgendein Gut im Wert von 10 Euro. Solange er es noch nicht bezahlt hat, habe ich eine Forderung ihm gegenüber in der Bilanz. Ich habe damit einen Vermögenswert erworben. Aber in welche Richtung ist das Geld geflossen? Nun, in seine, solange er die Rechnung nicht bezahlt hat. Er hat schon die Ware und noch die 10 Euro. Ich habe „nur“ eine Forderung. (Ja, das ist buchhalterisch nicht ganz sauber)
Target braucht man dafür nicht. Diese Glattstellung der Bilanzen könnten die Zentralbanken auch unter sich machen. Dazu ist keine zentrale Clearingstelle nötig.
Soll heißen: Target misst nur wieviel die Zentralbanken sich untereinander schulden – via dem Eurosystem.
Der Saldo gibt an wie hoch die unausgeglichenen Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem sind.

Natürlich sind die Bilanzen der Bundesbank und der Bank von Griechenland ausgeglichen.
Aber als Aktivum in der BuBa-Bilanz steht eben eine Forderung gegenüber dem Eurosystem.
Ebenso hat die Bank von Griechenland ein Passivum als Verbindlichkeit gegenüber dem Eurosystem in der Bilanz.
Diese beiden Targetposten gleichen jeweils die Verbindlichkeit gegenüber der Geschäftsbank des Exporteurs (BuBa) bzw. Forderung gegenüber der Geschäftsbank des Importeurs (BvG) aus so dass deren jeweilige Bilanzen auch ausgeglichen sind.
Die Bilanz des Eurosystems ist auch ausgeglichen: Die Summe aller Targetforderungen gegenüber den nationalen Zentralbanken (NZBs) ist genauso hoch wie die Summe aller Targetverbindlichkeiten gegenüber den anderen NZBs (jeweils aus der Sicht des Eurosystems). Saldenmechanisch ist das alles ziemlich simpel. Aber die Interpretation ist eben mitnichten rein saldenmechanisch.

Die Vermögenswerte sind „nur“ Forderungen gegenüber dem Eurosystem. Die Banken der Peripherie können ihre Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem nicht begleichen. Daher laufen die Posten auf. Das Eurosystem wirkt als Puffer. Solange wir darauf vertrauen, dass alles gut ausgehen wird, ist das alles kein Problem. Sobald die Peripheriebanken das Geld an das Eurosystem überweisen und es dort mit den Verbindlichkeiten ggü der BuBa verrechnet wird sinken die Targetsalden auch wieder – eben: Verrechnungsposten.

Insofern hat Nicolai recht, aber auch unrecht. Er hat recht, weil die Targetsalden eben Vermögenswerte der BuBa sind. Tatsächlich fließt „Vermögen“ (im buchhalterischen Sinne) von der Peripherie nach Deutschland. BuBa und NZBs der Peripherie betreiben einfach eine Bilanzverlängerung.
Sobald die Targetsalden ausgeglichen werden, also die Vermögenswerte verrechnet werden, in dem Deutschland netto importiert, haben die Bilanzen der NZBs wieder ihre normale Größe.
Nicolai hat unrecht, weil er übersieht, dass die Targetforderungen unausgeglichene Zahlungen sind und das Eurosystem als Puffer wirkt und eben Liquidität über die Verrechnungsposten in Form eine Bilanzverlängerung bereitstellt.
Die BuBa muss gemäß der Verträge die Bilanzverlängerung mitmachen und stellt dem Eurosystem damit eine Art Kredit bereit. Sie verzichtet auf die Glattstellung ihrer Forderungen gegenüber dem Eurosystem, damit dieses gegenüber der Peripherie deren angelaufene Verbindlichkeiten nicht glattstellen muss. Das hätte nämlich zur Folge, dass erst das EK der NZBs hin wäre und dann das EK der Geschäftsbanken. Und das ist präzise das, was in Europa nicht passieren darf.
Was ist das anderes als ein impliziter Transfer?

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.