Wäre ich Amerikaner …

Wäre ich Amerikaner, würde ich am Dienstag Barack Obama für eine zweite Amtszeit wählen. Ich hätte allerdings ein Riesenproblem, wem ich meine Stimme geben sollte. Wie auch bei uns.

Auf der einen Seite stehen mir die Demokraten gesellschaftspolitisch deutlich näher als die Republikaner, die mir aber wirtschaftspolitisch eher zusagen. Mal abgesehen davon, dass zwischen Wahlversprechen und danach implementierter Politik immer einen Riesenunterschied gibt – wie auch bei uns –, beide Parteien erfüllen jeweils nur eine Teilmenge des politischen Liberalismus. Und ich meine damit den klassischen Liberalismus und nicht was die Amerikaner seltsamerweise unter „liberal“ verstehen.

Blöderweise hängt an der Wahl eines gemäßigten Politikers der Mitte auch immer noch der extreme Rattenschwanz der jeweiligen Partei dran. Bei den Demokraten würde ich deren Äquivalent der Grünen mitwählen. All die Energiewende-Planwirtschaftler und Ökospinner, die nichts lieber tun, als den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Wie auch bei uns. Bei den Republikanern dagegen, würde ich einen Haufen Tea-Party-Spinner und religiöse Fanatiker mitwählen, die sowas von im 19. Jahrhundert stehengeblieben sind, dass es schon weh tut. Wie auch bei uns.

Der Economist bringt es auf den Punkt. Die erste Amtsperiode von Obama war patchy. Nichts besonderes. Eigentlich war sie enttäuschend, gegeben das Motto „Hope and Change“ seiner Wahlkampagne vor vier Jahren und damit wäre Zeit für einen Wechsel. Aber Mitt Romney ist eine Alternative, die noch schlechter ist. „For all his businesslike intentions, Mr Romney has an economic plan that works only if you don’t believe most of what he says“, schreibt der Economist. Dazu kommt die hysterische und befremdliche Dominanz von Tea-Party-Spinnern bei den Republikanern mit denen einfach keine gute Politik zu machen ist, weil sie auch den kleinsten Kompromiss ablehnen. Das ist keine Art ein Land zu regieren, das vor enormen Herausforderungen steht. Wie auch bei uns.

Ich wünsche mir für die Amerikaner, dass sie Barack Obama eine zweite Amtszeit geben und ihn mit einer Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat ausstatten. Und ich wünsche Herrn Obama, dass er aus den Fehlern seiner ersten Amtszeit lernt. Vielleicht hat er zu viel versprochen, aber das ist nicht so tragisch, wie viel zu wenig zu liefern. Wie auch bei uns.

Ebenfalls sehr lesenswert zum Thema ist ein Beitrag in der Welt: Warum ich als Republikaner Barack Obama wähle

Wie siehst Du das? Würdest Du eher Mitt Romney wählen? Sehe ich die amerikanische Politik vielleicht etwas zu sehr aus der europäischen Perspektive? Ich freue mich auf Deine Kommentare

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

2 Gedanken zu „Wäre ich Amerikaner …“

  1. Danke für den Artikel! Ich bin größtenteils deiner Meinung, würde allerdings noch ein paar Gedanken hinzufügen wollen. Du schreibst, dass Obamas Regierungszeit bis jetzt eher enttäuschend gewesen sei. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Amerikaner das genauso sehen. Allerdings sind 4 Jahre einfach wirklich wenig Zeit, um politische Veränderungen zu schaffen. Wie auch bei uns. Wenn man dann auch noch bezüglich einers health insurance systems gegen einen Großteil seiner freiheitsliebenden (-fanatischen?) Bevölkerung ankämpfen muss, ist das nicht unbedingt hilfreich. Ich glaube, Obama könnte in einer zweiten Amtszeit besser auf das aufbauen, was er bis jetzt erreicht hat. Die utopischen Hoffnungen und Forderungen haben sich gelegt, Amerika könnte nun mit realistischeren Erwartungen auf erneute 4 Jahre mit Obama blicken.
    Dass die amerikanische Mentalität (besonders auch im Wahlkampf) eine andere als die europäische ist, beweisen dutzende von Artikeln (beispielhaft an dieser Stelle ein etwas älterer aus der „Zeit“ http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/usa-patriotismus). Für mich als Deutsche sind bestimmte Denkweisen einfach schwer nachvollziehbar, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Romney allein deshalb viele Anhänger hat, weil er „the selfmade American“ verkörpert. Abgesehen von den politischen Interessen der Parteien sollte man glaube ich nicht unterschätzen, wie viel Einfluss einzelne charismatische Kandidaten haben können.
    So, jetzt habe ich schon fast einen eigenen Artikel hier und drücke abschließend einfach nur noch alle Daumen für Obama.

    1. Das Daumendrücken hat wohl geholfen 🙂
      Was mich eben stört, ist dass Obama zu Beginn seiner Amtszeit einen demokratischen Kongress hatte und diese Chance m.E. nur unzureichend genutzt hat. Das ärgert mich auch bei der aktuellen Bundesregierung, die nicht begonnen hat zu regieren, bis die Mehrheit im Bundesrat weg war – sei’s drum.
      Da die Republikaner ihn so oder so als Sozialisten und Untergang Amerikas bezeichnet hätten, hätte er eigentlich tun und lassen können was er will, z.B. ein Einwanderungsgesetz, eine Steuerreform, usw. Bei all der Wichtigkeit und Richtigkeit einer gesetzlichen Krankenversicherung, er hat nicht alles rausgeholt was möglich gewesen wäre. Ich wünsche ihm, dass er es in der zweiten Amtszeit hinbekommt.
      Ich halte es auch nicht für freiheitsliebend oder freiheitsfanatisch gegen eine gesetzliche Krankenversicherung zu sein, sondern eher für Hysterie und Spinnerei. Den Präsidenten deswegen als Nazi und/oder Kommunist zu bezeichnen ist eine Riesenfrechheit. Man muss sehr wohl darüber sprechen, wie effizient eine gesetzliche Krankenversicherung ist, ob sie Humbug wie Homöopathie bezahlen soll, etc. Aber selbst Hardcore-Liberale wie ich, stellen die grundlegende Sinnhaftigkeit nicht in Frage.
      Ob Romney so ein selfmade American ist? Er ist ziemlich privilegiert geboren worden (kein „Vorwurf“, nur eine Feststellung), aber vielleicht wirkt er auf viele Amerikaner so. Und letzten Endes kommt es in Wahlen immer auf zwei Dinge an: Auf das Image und die Abgrenzung vom politischen Konkurrenten. Die Republikaner hätten sonst wen aufstellen können, das konservative Amerika würde auch einen Baumstumpf als Präsidentn wählen, bevor sie ihre Stimme dem demokratischen „Sozialisten“ geben würde. Wohl aber zählt das Charisma (oder Image) in den swing states. Und da hatte es der schlaksige Sympathikus Obama wohl einfach leichter als der hölzerne Mr Roboto.

Kommentare sind geschlossen.