Muttis Schwiegersohn

So. Es ist also raus. Christian Wulff (CDU) soll nach dem Willen der Bundesregierung der 10. Präsident der Bundesrepublik Deutschland werden. Sein Gegenkandidat von rot-grüner Seite heißt Joachim Gauck.
Horst Köhler, der beliebte, weil unkonventionelle Präsident ist zurückgetreten, weil er den Respekt der Opposition und der Medien vor dem Amt des Bundespräsidenten vermisste. Nicht zu unrecht. Wie stellenweise mit Köhler umgegangen wurde ist einfach nur erbärmlich. Auf der anderen Seite darf man aber auch kein dünnes Fell haben, wenn man mal die Tagespolitik kommentiert. Aber wegen ein paar unqualifizierten Kommentaren das Handtuch zu werfen ist auch nicht das richtige. Dem Ansehen des Amtes tut beides nicht gerade gut.
Umso schlimmer ist dann das Geschachere, dass ich die letzten Tage verfolgen musste. Zunächst die dilettantische Idee Ursula von der Leyen als Präsidentin vorzuschlagen, ist ein Schlag ins Gesicht der Internetgemeinde. „Zensursula“ als erste Frau im Staate? Das war einfach nur taktlos und ungeschickt von Frau Merkel. Es zeigt aber nur mal wieder, dass die Union keinerlei Gespür dafür hat, was im Netz läuft.
Dann lief es relativ schnell auf Christian Wulff hinaus. Deutschlands bekanntester Schwiegersohn ist „Muttis“ Wunschkandidat, nach dem die Proteste gegen Frau von der Leyen zu groß geworden sind, als dass die Kanzlerin es noch überhören könnte. Herr Wulff ist der perfekte Kandidat. Er ist CDU-Mitglied, charmant, gut frisiert und vor allem bedingungslos loyal zur Kanzlerin. Er wird kaum Akzente setzen und den Kurs der Regierung mahnend begleiten, wie es eigentlich die Verfassungsväter im Sinn hatten und Theodor Heuss vormachte. Daß man einfach einen amtierenden Ministerpräsidenten erwählt zeigt auch, wie beliebig und austauschbar das Führungspersonal der Union ist.
Warum die CSU Herrn Wulff unterstützt ist mir auch schleierhaft. Bei Frau von der Leyen beschwert man sich noch, dass sie ja nicht konservativ genug sei, aber der geschiedene Christian Wulff ist dann auf einmal ein Musterbeispiel an Konservativität. Versteht mich nicht falsch, mir ist es völlig egal, ob jemand verheiratet ist und 7 Kinder hat oder geschieden ist und in einer Patchworkfamilie lebt. Aber es gibt offenbar Kreise in der Union, denen ist eine Bundespräsidentin per se unheimlich. Dann lieber ein Mann, der geschieden ist. Da stellt die Union mal wieder ihr vorgestriges Weltbild unter Beweis.
Was macht eigentlich der dritte Koalitionspartner FDP? Warum gibt Westerwelle der Union, sprich der Kanzlerin völlig freie Hand bei der Wahl des Kandidaten? Eine solche „Macht mal!“-Attitüde ist nicht nur unangemessen gegenüber dem Amt sondern auch politisch höchst gefährlich für die FDP, die durch ihren Vorsitzenden einmal mehr als Schoßhündchen der Union dargestellt wird. Ich habe meine Zweifel, dass es dem Ansehen meiner Partei gut tut. Dabei wären auch in den liberalen Reihen viele präsidiable Namen zu finden: Herrmann Otto Solms, Wolfgang Gerhardt, Sabine Leutheuser-Schnarrenberger um nur einige zu nennen. Es ist völlig inakzeptabel, dass der Bundesvorstand nicht einmal versucht hat, einen Namen in die Runde zu werfen.
Bleibt Joachim Gauck, ein DDR-Bürgerrechtler und langjähriger Chef der nach ihm benannten „Gauck-Behörde“, die die Stasi-Akten sichtet und verwaltet. Die Bundesversammlung muss sich zwischen einem nichtssagendem, angepassten Marionetten-Präsidenten und einem Querdenker mit Ecken und Kanten entscheiden. Meine Entscheidung ist eindeutig: Ich halte Joachim Gauck für den weitaus besseren Kandidaten, der dem höchsten Amt auch gerecht werden kann. Auch wenn ich es hasse, mit Sigmar Gabriel einer Meinung sein zu müssen.
Es ist eine Schande für die Regierung und die Führungen von CDU, CSU und FDP, so lasch und beliebig mit der Kandidatenfrage umzugehen. Was wäre so schwer dran gewesen eine unverbindliche Umfrage unter der Bevölkerung durchzuführen? Internetgestützt ist das nicht einmal besonders viel Aufwand. Aber dann müsste man sich ja aus Wolkenkuckucksheim zurück auf die Erde begeben. Das gilt übrigens auch für SPD und Grüne, die mit Gauck eher einen Zufallstreffer gelandet haben.
Traurig.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.