Können wir Wirtschaftsregulierung den Regierungen anvertrauen?

Gestern hatte einer meiner Kommilitonen sein Masterkolloquium über die Frage, ob Zentralbanken auf Immobilienpreisänderungen reagieren sollten. Dabei entstand in der abschließenden Diskussion die Überlegung, ob man Regierungen überhaupt die Regulierung anvertrauen kann.

Die Überlegung ist, dass ein regulatorischer Eingriff (Grundsteuer, Risikogewichtung, Mietpreisbremse, was-auch-immer) von Regierungsseite vermutlich viel effizienter und effektiver ist eine Immobilienblase zu verhindern, als ein Eingriff durch die Zentralbank. Immerhin hat die Zentralbank üblicherweise nur die Möglichkeit das Zinsniveau für die gesamte Volkswirtschaft und nicht für einzelne Märkte zu steuern. Da gibt es mehrere Varianten, etwa das Greenspan’sche Ignorieren und hinterher Aufräumen oder die Aufnahme von Immobilienpreisen in die Preisindizes und noch mehr.

Jede Variante hat gewisse Vorzüge und gewisse Nachteile. Feinsteuerung im Sinne der Verhinderung von Preisblasen auf den Immobilienmärkten kann eigentlich aber nur die Regierung. Nun ist aber die Politik aber möglicherweise unfähig und/oder unwillig die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Ein Beispiel wäre das Homeownership-Programm der Regierung Bush in den Vereinigten Staaten. Da wurde sogar mit staatlichen Giganten (Fannie Mae und Freddie Mac) unnachhaltige Darlehen ausgegeben, die den Immobilienboom, die Subprimeblase und die folgende globale Wirtschaftskrise auslösten erst möglich machten.

Die Frage ist nun, ob Regierungen, deren Zeithorizont meist nur bis zu nächsten Wahl geht, damit beauftragt werden können Wirtschaftsregulierung zu betreiben. Es ist eine Variante der Geschichte vom Manager, dessen Bonus von Quartalsergebnis abhängt oder generell von der Zeitinkonsistenz von Regierungen.

Dahinter verbirgt sich die Frage ob Demokratien nicht prinzipiell anfällig für mies regulierte Märkte sind: zu viel, zu wenig oder einfach falsch. Oder anders: Wie kann sich eine Demokratie im Vorfeld auf eine sinnvolle Wirtschaftspolitik und Regulierung festlegen? Wie kann sie sich selbst von „Dummheiten“ abhalten? Klappt das überhaupt in Selbstbindung oder benötigt es dazu Einwirkung von außen – etwa durch die Zentralbank, wie in Sargent und Wallace (1981)?
Ist es überhaupt ein Problem von Demokratien? Oder ist es nicht vielmehr ein Problem jedweder Regierung? Immerhin müssen Autokratien ihr Volk auch bei Laune halten. Was meinst Du?

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

3 Gedanken zu „Können wir Wirtschaftsregulierung den Regierungen anvertrauen?“

  1. Mir fällt dazu erstmal folgende Frage ein, die uns denke ich auch schon ein Stück weiter bringt: Ab wann ist es eine Immobilienblase? Woran erkennt man eine? Gibt es irgendwelche vernünftigen Früherkennungsmechanismen?
    Ohne eine halbwegs brauchbare Daumenregel in dieser Sache bleibt der Zentralbank, soweit ich das sehe, nicht viel anderes übrig als die Möglichkeit einer Immobilienblase bei jeder Zinssenkung zu berücksichtigen und damit die „Zinsuntergrenze“ ein Stück nach oben zu verschieben. Die Politik müsste gleichermaßen Maßnahmen ergreifen, um Investitionen in Immobilien allgemein zu verteuern oder davon abzuschrecken. Dies wird stets ihrem Grundinteresse an der Gewährleistung bezahlbaren Wohneigentums zuwiderlaufen. Ohnehin sehe ich eher die Tendenz zur Überregulierung des Immobilienmarktes. Das ganze könnte auf regulatorisches Chaos hinauslaufen.

    Weitere Frage: Sind Immobilienblasen eher die Folge regulatorischer Eingriffe (wie im Falle des Homeownership Programmes) oder eines Mangels dieser?
    Beides?…

    1. Die amerikanische Immobilienblase hatte ich eher als pars pro toto gedacht; ich wollte die Argumentation nicht auf die Verhinderung von (Immobilien-) Blasen beschränkt wissen.

      Dennoch, ja ist schwierig zu erkennen und noch schwieriger loszuwerden ohne Porzellan zu zerdeppern. Insbesondere dann, wenn man nur ein vergleichsweise grobes Instrument wie den Leitzins oder die Geldmenge hat.
      Im Prinzip gibst Du eine klassisch „österreichische“ Antwort: Lass die Zinsen oben und das Geld knapp, dann entstehen auch keine Blasen.
      Dabei würde ich Dir generell zustimmen, aber Du hast eben auch mögliche Effizienzverlust, weil das Geld für das Optimum an Produktion und Arbeitslosigkeit eben zu wenig ist. Damit erzeugt die Vorsicht der der Zentralbank Opportunitätskosten. Interessanterweise ist das genau der Trade-Off, den ich gerade in meiner Masterarbeit beschreibe.

      Du schreibst, dass die Politik ebenfalls Maßnahmen ergreifen müsste. Nun, im Falle einer utilitaristischen, wohlwollenden Regierung mit wirtschaftlichem Sachverstand wäre das der Fall. Haben wir so eine Regierung? Sicher nicht, und das ist das Kernproblem. Selbst eine mit wirtschaftlichem Sachverstand gesegnete Regierung (heroische Annahme!) wäre der Zeitinkonsistenz unterworfen maximal bis zur nächsten Wahl zu denken und nicht darüber hinaus. Das ist das fundamentale Problem von Fiskalpolitik als Regulierungsinstrument. Eine mögliche Lösung wäre es, der Regierung aufzuerlegen ausschließlich nichtverzerrende Steuern zu erheben, um den Finanzbedarf zu decken und sich ansonsten aus dem Wirtschaftsgeschehen herauszuhalten und insbesondere die Regulierung einem Expertengremium zu überlassen. Undemokratisch und unrealistisch? Aber hallo!

      Ich wollte auf dieses fundamentale Problem der Regulierung durch Fiskalpolitik hinaus. (In Europa hat die EZB auch ein Eigeninteresse, nämlich den Erhalt des Euroraumes und damit ihre eigene Existenz. Aber das ist ein anderes Problem).

      Zur zweiten Frage: Meine spontane Antwort wäre tatsächlich „Beides“. Und außerdem die Folge falscher Regulierung. Kommt auf den Einzelfall an. In den USA war es wohl homeownership program und die lockere Geldpolitik von Greenspan. In Spanien vermutlich die unglaubwürdige Defaultdrohung des Vertrages von Maastricht, der die Zinsen von spanischen Staatsanleihen auf deutsches Niveau gesenkt hat. Die steigenden Immobilienpreise in Deutschland sind wohl eher fundamental, möglicherweise aber auch der Niedrigzinspolitik der EZB geschuldet – oder eben „beides“.

  2. Ist es überhaupt ein Problem von Demokratien? Oder ist es nicht vielmehr ein Problem jedweder Regierung?

    Es ist kein Problem einer Demokratie. Es ist das Problem das Politiker wie auch Wähler nun einmal keine Ökonomen sind – und wenn sie es wäre, wären es womöglich auch noch „schlechte“(tm).

    Vieles haben doch auch Ökonomen mit verursacht. „Jeder Sparer findet seinen Kreditnehmer“ – ha, ha, hamburger Appell. Das liegt doch in der Regel darunter – und ist so genommen einfach falsch. Es ist eben nicht gleichgültig, nicht BIP-neutral (nationalen Multiplikatoren), Multinational (u.a. Leistungsbilanzen; Kapitalbilanzen) und ändert eben nicht nur die Struktur.
    Und dann haben wir schon drei Komponenten welche nicht wirklich „rund“ laufen. Politiker, Ökonomen und Märkte. Wenn dann noch Politiker beginnen Märkte zu regulieren kommt in der Regel ein Pyramidenspiel dabei heraus. An einer Ecke wird ein Bierdeckel unters Tischbein gelegt, dann kippelt es woanders. Also legt man dort noch was darunter. Das geht so weiter, keine Regierung kann eines der vorhergehenden Bierdeckel entfernen, da viele weitere Bierdeckel darauf aufbauen. Also müssen immer weitere untergeschoben werden. Eine Ruheposition gibt es jedoch nicht, denn die Gegebenheiten ändern sich ständig.

    Feinsteuerung im Sinne der Verhinderung von Preisblasen auf den Immobilienmärkten kann eigentlich aber nur die Regierung. Nun ist aber die Politik aber möglicherweise unfähig und/oder unwillig die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

    Wie gesagt. Fang einmal damit an den geneigten Ökonomen zu erklären, dass es überhaupt so etwas wie „Blasen“ bzw. „Märkte mit Fehlern“ gibt. Das wäre einmal ein Anfang. Dann könnte man noch wie oben angemerkt hingehen und analysieren ob jede Ersparnis gleichbedeutend mit einer Kreditaufnahme ist, respektive ob diese Aussage bei FIAT-Money und offenen Grenzen überhaupt für einen Sinn ergibt.

    Wenn dem nicht einfach so ist und man über Leistungsbilanzen, Blasenbildung, Kreditrestriktionen und als Folge dann (Schritt für Schritt) womöglich potentielle „Kreditklemmen“ und über selbige (völlig absurd) auf (nationale) Verteilungsproblematiken nachdenkt.

    Wenn man extreme Vermögenskonzentrationen hat und starke Einkommensunterschiede (also one-way). Wo ist mittelfristig der solvente leihende? Nirgends. Dann muss liberal das verleihen auf Risiko des Kreditgebenden folgen. Das reine aufkaufen von Assets bringt dem Wirtschaftsgeschehen ja nichts.

    Jetzt steht man da. Keynes war ja ein ganz schlauer und lässt den Staat das Geld leihen. Wenn man sich das aber vom Ablauf her überlegt ist das Grundproblem damit nicht adressiert (wobei es sich dabei auch nicht um zyklische Probleme handelt sondern um logische/laufende). Keynes würde (für das ausgleichen von Zyklen) vielleicht funktionieren wenn man sich in einer ansonsten intakten Wirtschaftseinheit befinden würde. Für das verhindern oder adressieren einer Krise wie der aktuellen eher nicht.

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