Schweizer Franken (CC lizensiert von http://www.flickr.com/photos/farbfilmvergesser)

Gefährliche Notmaßnahme

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Gestern hat die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Zentralbank der Schweiz, einen Mindestwechselkurs des Franken um Euro von 1,20€ festgelegt und in für Zentralbanken ungewohnt deutlichen Worten klargemacht, dass sie gedenkt diesen Wechselkursboden zu verteidigen:

"Die Schweizerische Nationalbank strebt daher eine deutliche und dauerhafte Abschwächung des Frankens an. Sie toleriert am Devisenmarkt ab sofort keinen Euro-Franken-Kurs unter dem Mindestkurs von 1,20. Die Nationalbank wird den Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen und ist bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen." [1]

Nun ist der Franken in letzter Zeit gegenüber dem Euro nur gestiegen und der Aufwertungsdruck wird wohl auch in Zukunft nicht abnehmen.Folglich hat die Schweiz einen De-Facto-Peg eingeführt und beschlossen diesen zu verteidigen, also Franken gegen Euro zu verkaufen, um dem Aufwertungsdruck entgegenzuwirken. Die SNB sitzt auf ca. 240 Mrd. SFr (ca. 200 Mrd €) Währungsreserven, davon etwa 184 Mrd. SFr (ca. 153 Mrd. €) an konvertierbaren Devisen, der Rest ist Gold, SZR, usw. (Stand Ende Juli 2011 [2], abgerufen am 6.9.2011, 18:19 Uhr).

Dagegen stehen im ersten Quartal 2011 bereits Kapitalexporte von 31 Mrd. SFr, 2010 betrugen die schweizerischen Kapitalexporte 115 Mrd. SFr. Insofern ist die Ankündigung der SNB, diesen Wechselkursboden mit Zähnen und Klauen zu verteidigen zumindest vorerst gerechtfertigt.

Dennoch: Früher oder später sind die Währungsreserven aufgebraucht, insbesondere dann, wenn die Nachfrage nach Franken niedrig gehalten wird. Und was dann passiert kann man an diversen Währungskrisen anschauen (Untergang des EMS 1992, Asienkrise 1997, Untergang von Bretton-Woods 1973). Das wird hässlich. Die einzige Hoffnung für die Schweizer ist, dass die Schuldenkrise im Rest von Europa möglichst schnell vorbei ist und man den Wechselkursboden wieder aufheben kann, bevor die Munition alle ist. Doch ich fürchte, diese Hoffnung wird sich als trügerisch erweisen.

Auf eine weitere Gefahr der de facto Kopplung für die Schweiz hat der FOCUS in seiner Onlineausgabe hingewiesen:

"Denn mit den Franken-Verkäufen erhöht sie die Geldmenge. Zum letzten Mal hatte die SNB vor rund 30 Jahren zum Mittel eines Wechselkursziels gegriffen. Damals hatte die Ölkrise zu einer Flucht in die Schweiz geführt und die SNB kaufte 1978 ebenfalls große Mengen Devisen. Vier Jahre später galt die damit verbundene Geldmengenausweitung als Quelle der Inflation, die dann mehr als sechs Prozent erreichte." [3]

Gibt es Alternativen? Nun ja, die Schweiz hätte ein Form von Kapitalverkehrskontrollen einführen können. Meine Professorin für Internationale Wirtschaftspolitik Beatrice Weder di Mauro - zufälligerweise eine Schweizerin - hält das bei den heutigen Finanzmärkten nicht mehr für machbar [4] (Danke an dieser Stelle an Olaf Storbeck vom Handelsblatt für's Fragen). Nun weiß ich nicht, welche Arten von Kapitalverkehrskontrollen die SNB erwogen hat, aber ein besonders einleuchtender Grund, warum eine Steuer auf den Kauf Franken nicht machbar wäre, ist mir nicht eingefallen. Nun bin ich auch kein besonders großer Fan von Kapitalverkehrskontrollen, dennoch hielte ich es für die geschicktere Lösung, weil es deutlich ungefährlicher ist, eine bremsende Steuer einzuführen als darauf zu hoffen, dass die monetäre Munition reicht, um einen Peg zu verteidigen. Aber die SNB wird ihre Gründe haben, warum sie so und nicht anders entschieden hat. Aber auch Zentralbanken können daneben liegen, wie das "Easy Money" von Greenspan und der Ramschanleihenkauf der EZB unter Trichet belegen.

Was aber ist eigentlich so schlimm am steigenden Franken? Der steigende Außenwert einer Währung geht zunächst zu Lasten der Exporteure, was die Schweiz als Exportland deutlich spürt. Auf der anderen Seite steigen aber auch die Fremdwährungsreserven der Zentralbank im Wert, was man z.B. mit einem Staatsfonds nutzen kann. Auch sinken die Preise für in ausländischer Währung gehandelte Importe, allen voran das in Dollar gehandelte Öl. Auch hier ergeben sich der schweizerischen Volkswirtschaft Vorteile. Interessant wird es vor allem, wenn die schweizerischen Exporteure Zwischengüter aus dem Ausland importieren müssen. Da diese dann durch den starken Franken günstiger werden, könnte der Preisdruck auf die Exporteure gemindert werden. Je mehr Wertschöpfung in der Schweiz erzeugt wird, also je mehr das importierte Zwischengut weiterverarbeitet wird, desto geringer wird dieser Effekt. Die schweizerische Exportwirtschaft hat aber mit Entlassungen gedroht, insofern ist der politische Druck die Exporteure zu schützen höher als die Schweizer vor Inflation zu bewahren. Arbeitslosigkeit im Exportsektor lässt sich politisch deutlich schwieriger rechtfertigen als billigere Importe und steigende Fremdwährungsreserven. Insbesondere dann, wenn nächstes Jahr ein neuer Nationalrat gewählt wird.

Aus rest-europäischer Sicht fällt dem FOCUS auf, dass vermutlich

"... die Eingriffe der SNB für neue Unruhe auf dem Anleihenmarkt sorgen, da die [SNB] die Euros in Staatsanleihen der bonitätsstarken Länder wie Deutschland anlegen dürfte." [3]

Wenn die SNB im großen Stil deutsche Bundesanleihen kauft freut das zwar den Bundesfinanzminister, weil es die Zinsen drückt, aber gleichzeitig reißt es auch die Zinsspreads der Europeripherie zu den Bundesanleihen nach oben. Blöd, wenn man gerade eine Schuldenkrise hat. Nach diesem Tweet zu urteilen, entlockte diese Erkenntnis dem ehemaligen Chefvolkswirt der EZB Otmar Issing nur ein Lachen. Mir auch.

Was denkst Du? Ist der Wechselkursboden ein gutes Instrument, um der schweizerischen Wirtschaft zu helfen oder gibt es bessere Ideen?

Bild: http://www.flickr.com/photos/farbfilmvergesser/4021177525/  von http://www.flickr.com/people/farbfilmvergesser/, CC-lizensiert unter http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de

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