Ein unrühmliches Stück

Ich habe mir gestern Abend zur Primetime das Interview mit Bundespräsident Wulff angesehen. Durch die #Wulffleaks (Danke!) wusste ich zwar schon was der Tenor war, aber ich wollte es doch vollständig sehen. Herr Wulff sollte die Gelegenheit bekommen mir – einem seiner Bürger – zu erklären, was genau passiert ist und was ihn dazu bewogen hat zu handeln, wie er es tat.

Nun, Fehlanzeige. Die Deutschen sahen einen trotzigen Schulbuben, der sich mit unsicherer, kieksender Stimme und Allgemeinplätzen herauszureden versucht, obwohl er genau weiß, dass er Mist gebaut hat. Christian Wulff beweist erneut, dass er ein unbeholfenes Verhältnis zur Medienlandschaft Deutschlands im 21. Jahrhundert hat. Alleine das Interview nur den beiden großen Staatssendern zu geben, die Privatsender und das Netz außen vor zu lassen, ist schon ziemlich tollpatschig. Was wäre so schwierig gewesen, bei Google anzurufen und das Interview auf Youtube streamen zu lassen? Was wäre so schlimm daran gewesen, auch die privaten Fernsehsender einzuladen? Was wäre so schlimm daran gewesen, die Bundespressekonferenz zu bitten, dem Präsidenten die Möglichkeit zur Erklärung zu geben?

In meinen Augen war es der Versuch Herrn Wulffs sich als Opfer einer unfairen Kampagne gegen ihn und seine Freunde darzustellen. Zur besten Sendezeit und exklusiv. Das Erste und das ZDF haben sich zur Selbstdarstellung instrumentalisieren lassen. Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf degradierten sich selbst zu Stichwortgebern dieses Trauerspiels – und haben das vermutlich noch nicht einmal gemerkt.

Christian Wulff hat insofern recht, dass es auch einem Politiker und Bundespräsidenten möglich sein muss Freunde zu haben und auch bei ihnen zu übernachten. Wie albern wäre es denn, würde ich übernachtenden Freunden morgens eine Rechnung präsentieren? Vielleicht mag Frau Schausten das anders sehen, aber ich wage mal zu behaupten, dass sie in ihrer Sichtweise recht einsam ist.

Zweifellos dürfen Freundschaften nicht die Amtsführung beeinflussen. Ob Christian Wulff sich hat beeinflussen lassen oder gegen Gesetze verstoßen hat, ist ausschließlich vor Gericht zu klären. Da die Staatsanwaltschaft keine Ermittlungen aufgenommen hat, gehe ich von der Unschuld des Präsidenten aus.

Der Grund warum Herr Wulff dennoch das Amt des Bundespräsidenten nicht ausfüllen kann und es niederlegen sollte ist dagegen ein völlig anderer. Es hat nichts mit unbewiesenen Vorwürfen gegen ihn zu tun, sondern mit seiner feudalen Art mit den Vorwürfen umzugehen. Nur soviel zuzugeben, wie eh schon bekannt ist, über Anwälte mit dem Volk zu reden, sich in Kleinigkeiten und Details verheddern, Drohanrufe bei Journalisten zu tätigen, in der Weihnachtsansprache business as usual zu üben, sich hinter Ausreden zu verstecken und sich selbst als das Opfer einer Hetzkampagne zu inszenieren: Das alles ist eines Bundespräsidenten unwürdig.

Selbst wenn Herr Wulff heute von der Erleuchtung getroffen wird und versteht, wo der Haken ist und in aller Form bei den Bürgern um Entschuldigung bittet, seine Glaubwürdigkeit und seine präsidiale Aura – so er letztere überhaupt je hatte – sind dahin. Auch wenn die Affäre beendet wird, kann er die Deutschen nicht mehr in ihren Herausforderungen der nächsten Jahre begleiten.

Das ist der Grund, warum Herr Wulff als Bundespräsident zurücktreten sollte.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.