Das Trilemma einer Währungsunion wie dem Euro

Die unschuldige Währung

Das Trilemma einer Währungsunion wie dem Euro„Das haben wir jetzt vom Euro!“, „Hätten wir bloß die Mark behalten!“, „Der Euro macht uns arm!“ So, oder so ähnlich hören sich dieser Tage viele Beschwerden von Bürgern an. Und zugegebenermaßen sieht es auf den ersten Blick so aus als habe der Euro den Deutschen erst höhere Preise in Restaurants und jetzt die Rechnung für faule Südländer gebracht. Der Euro als Währung ist dennoch weder für das eine noch für das andere verantwortlich. Die Schuld tragen im ersten Fall die Gastwirte und im zweiten Fall die europäischen Politiker – und zwar alle, die den Euro nun für die Zwangsintegration von Europa missbrauchen wollen. Und das sind fast alle.

Eine Währungsunion allgemein ist einem bestimmten Trilemma unterworfen – man kann nur genau zwei von drei Optionen haben, die dritte ist durch die Wahl der anderen automatisch ausgeschlossen. Diese Optionen sind:

  1. Kein Ausstieg (No Exit)
  2. Kein Zahlungsausfall (No Default)
  3. Kein internen Zahlungsausgleichungen/Rettungen (No Bailout)

Der Euro wurde Mitte der 1990er als ein System entwickelt und konzipiert, das aus diesen drei Optionen die erste und die dritte wählte. Er war auf Dauer angelegt; die Maastrichter Verträge regeln den Austritt nicht, weil er nicht vorgesehen ist und es sollte keine internen Zahlungsausgleiche geben und kein Mitgliedsland sollte für die Schulden eines anderen gerade stehen. Das regelt die so genannte No Bailout-Klausel. Diese Wahl der Optionen war weise und ist auch heute noch weise. Der Euro sollte die Europäer näher zueinander bringen ohne das ein Land einen Anreiz hatte sich auf Kosten der anderen zu verschulden. Dass das doch passierte liegt unter anderem am Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP), der als zahnloser Papiertiger von den Politikern als Verhandlungsmasse verwendet wurde und keine ernsten Sanktionen androht. Wäre der SWP durchgesetzt worden – und nicht von Schröder und Chirac verwässert worden – die Eurozone hätte sich das Griechenlanddesaster ersparen können. Alleine die Androhung im Zweifel zahlungsunfähig zu werden hätte genügt, um die Euroländer auf Kurs zu halten. Doch der verwässerte SWP und die ständigen politischen Kuhhandel haben signalisiert, dass im Fall der Fälle die Europäer sich eher „durchwurschteln“ würden anstatt sich an die Verträge zu halten – genauso wie sie das immer tun. Den Griechen (und Portugiesen, Iren, Spaniern, Italienern) war das völlig klar. Man tat so als sei der Euro eine Währungsunion, die immer die zweite Option erfüllt, wahlweise zusammen mit der ersten oder der dritten. Aber die Zahlungsunfähigkeit wollte man sich nicht zumuten, weil das ja als direktes Versagen der eigenen politischen Arbeit gelten würde. Wohin diese Umdeutung des Euro führte, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen.

Warum ist es schlecht wenn eine Währungsunion die erste und die zweite Bedingung erfüllt also implizit Transfers billigt? Es schafft das berüchtigte Moral Hazard, wie man an Griechenland gesehen hat. Es herrscht dann die Mentalität, dass man sich danebenbenehmen kann, wie man will. Sollte es schief gehen bezahlt ja der Rest. Dummerweise gilt das aber für alle Mitglieder. Die einzig stabile Lösung ist also, dass sich alle daneben benehmen und keiner jemand anderen „rauspauken“ kann.

Bleibt noch die Variante mit dem möglichen Ausstieg aus der Währungsunion, wenn man keinen Zahlungsausfall und keine Transfers möchte. Das ist mindestens genauso verkehrt, weil im Falle des Austritts eines Landes die Märkte sofort testen würden, wer denn noch auf wackligen Beinen steht. Die Folge wäre ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen der Wähungsunion. Schaut man sich die Verwerfungen an den Aktien- und Anleihemärkten an, die die noch intakte Eurozone erschüttern, dann kann man sich ausmalen, welch Katastrophe es wäre, sollte die Währungsunion unkontrolliert auseinander brechen. Das gälte übrigens auch für den Fall, dass Deutschland selbst Adiós sagt und die Währungsunion verlässt, wie das Handelsblatt in einem Artikel zusammenfasst.

Beide genannten Varianten wären das Ende der Eurozone und vermutlich bald darauf das Ende der Europäischen Union und – so fürchte ich – auch das Ende der europäischen Idee eines Kontinents, auf dem für immer Frieden, Demokratie und Wohlstand herrscht. Warum sich Politiker quer durch Europa für die Variante mit Bailouts entscheiden und den Euro auf biegen und brechen (sic!) auf eine andere Kante des Dreiecks schieben wollen ist mir völlig schleierhaft. Doch die wichtige Konsequenz aus diesem Drama ist, dass einzig und allein die Politiker schuld sind. Nicht der Euro.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

2 Gedanken zu „Die unschuldige Währung“

  1. Das Dreieck gefällt mir, die Schlussfolgerungen nicht. Ich beginne ganz hinten: „Doch die wichtige Konsequenz aus diesem Drama ist, dass einzig und allein die Politiker schuld sind. Nicht der Euro.“ Natürlich sind die Politiker schuld (und die Wähler, die sie gewählt statt gestoppt haben), und zwar vor allem am Euro. Der Euro ist vielleicht nicht schuld, weil er keine Person ist, aber er ist ganz klar die eigentliche Problemursache. Ohne Euro, noch mit nationalen Währungen, gäbe es jetzt keine Krise in Europa.

    Was läuft falsch in der Analyse hier? Es ist die positive Bewertung der linken Kante, also „No Bail-out“ mit „No Exit“. So waren die Verträge tatsächlich geschlossen worden. Doch wäre nun alles in bester Ordnung, wenn man sich daran gehalten hätte? Natürlich nicht, man hat die Verträge auch nicht zufällig gebrochen, oder weil das den „faulen“ Südländern so viel Spaß machen würde. Deutschland ist Exporteuropameister, während Griechenland mit dem Euro in keinster Weise wettbewerbsfähig ist. Einen offenen und fairen Default von Griechenland hätte ich auch begrüßt (einen unsauberen nur für private Gläubiger hat es dagegen tatsächlich gegeben, so dass also „No Default“ ohnehin nicht gilt), doch was wäre danach passiert? Griechenland hätte keine Kredite mehr bekommen und auch sonst keine Unterstützung („No Bail-out“), aber immer noch den Euro am Hals, der die Preise und Löhne hoch und die Wettbewerbsfähigkeit niedrig hält.

    Griechenland braucht vor allem eine Abwertung und Deutschland eine Aufwertung, was mit einer gemeinsamen Währung nicht geht. Deshalb ist „Exit“ für alle die beste Strategie. Das muss nicht unkontrolliert geschehen. Die Märkte können auch nicht den nächsten Wackelkandidaten ausgucken, wenn alle von sich aus gehen. Es gibt auch keinen sachlichen Grund, weshalb dadurch die EU zerbrechen sollte. Es sind wieder „die Politiker schuld“, die das nicht begreifen und sich nicht trauen, doch damit sind sie nicht „einzig und allein“, sondern auch so mancher Blogger glaubt lieber an den Segen des Euro wider alle Evidenz.

    1. Danke für die Antwort.

      Vielleicht vorweg: Ich habe diesen Artikel vor fast einem Jahr geschrieben. Inzwischen sind wir alle (insbesondere ich) schlauer.

      Dennoch halte ich die linke Kante immer noch für die positive – zumindest in einer homogenen Währungsunion. Da die Eurozone aber nicht homogen ist, ist die untere Kante wohl die bessere, bis die Homogenität ausreichend ist, um auf die linke Kante zu wechseln.
      Inzwischen würde ich sagen, dass die Griechen, aber auch Spanier, Portugiesen, etc. noch nicht Eurozonen-Mitglieder hätten werden dürfen. Vermutlich auch in 20 Jahren noch nicht. Die Politik wollte mit Währungsunion zuviel zu schnell. Und jetzt haben wir den Salat.
      Ebenfalls nach einem weiteren Jahr Krise ist wohl die Gefahr, dass die EU am Euro zerbricht größer, wenn die Währungsunion in ihrer jetzigen Form bestehen bleibt, als wenn sie auf homogene Mitglieder zusammenschrumpft. Ich sehe das dahingehend genau wie Herr Bootle: Deutschland, Benelux, Finnland und Österreich sind homogen genug für einen „Nord-Euro“, der Rest – auch Frankreich – nicht. Aber die Schrumpfung der Währungsunion auf diese sechs Mitglieder und ohne Frankreich fällt wohl in die Kategorie politisches Wunschdenken. Insofern sind es in der Tat die Politiker (und zweifellos die Wähler), die die Verantwortung tragen.

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