Das globale Geldsystem Teil 3 – Verschuldung und Schuldenkrisen

Die aktuelle Krise in Europa und die Beinahe-Krise in den USA haben eines gemeinsam. Es sind Schuldenkrisen. In Europa hat sich die Schuldenkrise in der so genannten „Peripherie“ zu einer Währungskrise oder Eurokrise entwickelt – auch wenn die Zentralbank und die Regierungen immer noch von einer Schuldenkrise sprechen.

Die Eurokrise nahm ihren Ausgangspunkt in der Wirtschaftskrise von 2008/09. Strikt gesprochen handelt es sich um zwei getrennte Krisen, die allerdings in kausaler Abhängigkeit stehen. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, die Wirtschaftskrise hätte die Eurokrise ausgelöst. Vielmehr hat die Wirtschaftskrise die Probleme Griechenland, Portugals und Irlands nur früher aufgedeckt, doch auch ohne die Wirtschaftskrise wäre die Zahlungsunfähigkeit dieser Länder früher oder später ans Licht gekommen.

Was ist nun genau eine Schuldenkrise? Vereinfacht gesagt, eine Schuldenkrise tritt dann auf, wenn Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Landes bestehen oder wenn die Zahlungsunfähigkeit deklariert wurde – der oft erwähnte Default. In den Medien geistern auch die Begriffe „Staatspleite“ oder „Staatsbankrott“, aber der ökonomisch korrekte Begriff ist Insolvenz. Vom Konzept von der Insolvenz zu trennen ist die Illiquidität, wobei ein Staat nur temporär Probleme hat, weil zum Beispiel eine Naturkatastrophe eingetreten ist aber die Verschuldungsstruktur insgesamt stabil und nachhaltig ist.

Ja, es gibt nachhaltige Verschuldung. Ein Land hat genau dann eine nachhaltige Verschuldung oder ist solvent, wenn die abgezinsten zukünftigen Einkommen größer oder gleich den zu leistenden Rückzahlungen und Zinsen entsprechen. Das Problem ist, dass dieses Gleichgewicht von vielen unsicheren Faktoren abhängt, z.B. Zinsen und erwartete Wirtschaftsleistung. Nehmen wir Griechenland als Beispiel. Die Wirtschaftskrise hat die erwartete Wirtschaftsleistung gesenkt. Damit ist auch die Höhe der nachhaltigen Schulden Griechenlands gesunken, während natürlich die tatsächliche Verschuldung gleich hoch geblieben ist. Unterschreitet die erwartete Wirtschaftsleistung nun die kritische Grenze, ist der Staat insolvent auch wenn seine Verschuldung gar nicht steigt oder sogar fällt. Es kommt also nicht auf die Höhe der Verschuldung an, sondern auf das Gleichgewicht mit der erwarteten Wirtschaftsleistung. Genau das ist bei Griechenland, Portugal und Irland gekippt.

Insbesondere wird eine Verschuldung dann problematisch, wenn keine einmaligen Projekte zur Leistungssteigerung (etwa ein Hafen, eine Autobahn, ein Kraftwerk, etc.) mit Schulden finanziert wird, sondern wenn laufende Ausgaben des Staates nur durch die Aufnahme von neuen Schulden als Ablösung von auslaufenden Schulden gedeckt werden können, wenn der Staat also gezwungen ist Schulden aufzunehmen. Das ist mittlerweile in so ziemlich allen entwickelten Volkswirtschaften der Fall – auch in Deutschland. Wir alle leben über dem was wir uns eigentlich leisten können. Das geht solange gut, wie die erwartete Wirtschaftsleistung nicht sinkt und die Zinsen für neue Schulden nicht ansteigen. Und als wäre das nicht schon genug bedingen sich diese beiden gegenseitig: Steigen die erwarteten Zinsen sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung und, sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung müssen Staaten höhere Zinsen als Prämie für neue Schulden zahlen. Eine solche Spirale kann ziemlich schnell in der Katastrophe enden.

Wenn Schulden also so gefährlich sind, warum nehmen Staaten dann immer mehr davon auf und setzen nicht alles menschenmögliche daran die Verschuldung abzubauen? Weil Schulden unheimlich praktisch sind: Man kann Wohltätigkeiten verteilen ohne sich politische Prügel für Steuererhöhungen abholen zu müssen. Die Rechnung bezahlt man morgen. Und natürlich verspricht die Regierung auch mit dem Schuldenmachen aufzuhören und die Schulden pünktlich und vollständig zurückzuzahlen. Wenn die nächste Wahl gewonnen ist, kann man sich ja eine Ausrede einfallen lassen, warum es notwendig ist, mit dem Schuldenabbau noch ein Weilchen zu warten. Dieses Problem – die heutige optimale Handlungsstrategie unterscheidet sich von der morgigen optimalen Handlungsstrategie – nennen wir Ökonomen Zeitinkonsistenz. Um diesem Problem in Bezug auf Verschuldung Herr zu werden, gibt es eigentlich nur die Möglichkeit eines absoluten Verschuldungsverbots. Die deutsche Schuldenbremse ist da ein wirklich gutes Instrument, weil es Verfassungsrang hat und nicht durch ein simples Gesetz geändert werden kann. Deswegen ist die Schuldenbremse geeignet heute glaubwürdig zukünftige Schulden auszuschließen.

Dummerweise wird man auch mit einer Nettoneuverschuldung von Null seine alten Schulden nicht los und muss alte Kredite durch neue ablösen. Solange die (öffentliche) Gesamtverschuldung eines Landes nicht ebenfalls Null ist, droht theoretisch die Zahlungsunfähigkeit. Zugegeben, einige Verschuldungshöhen sind realiter ungefährlich (z.B. Luxemburg mit Staatsschulden in Höhe von 14% des BIP), aber dennoch halte ich es für geboten auch die bestehende Schuldenlast abzubauen. Dazu muss die Regierung eines Landes zunächst einen Haushaltsüberschuss aufweisen, was mit Steuererhöhungen und Senkungen der Staatsausgaben erreicht werden. Für Deutschland halte ich eine Senkung der Staatsausgaben für den sinnvolleren Weg, aber die Details darüber würden diesen Beitrag sprengen.
Bei all der Wichtigkeit von Schuldenabbau sollten die Sparpakete nicht die Wirtschaft eines Landes abwürgen – Rezessionen machen die Schuldenlast nur noch schlimmer. Ganz im Gegenteil, Länder mit Schuldenkrisen wie Griechenland müssen alles daran setzen zu wachsen. Für die oben erwähnte „Peripherie“ des Euroraumes sehe ich aber keine Möglichkeit aus den Schuldenkrisen herauszuwachsen. Da helfen auch kein Rettungsschirm und keine Eurobonds. Auch wenn es bedeutet, dass ihnen der Zugang zum Kapitalmarkt auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte versperrt bleibt, müssen Griechenland, Portugal und Irland die Zahlungsfähigkeit erklären und so ihre Schuldenlast verringern. Wer etwas anderes behauptet, verschließt sich vor der Realität.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

2 Gedanken zu „Das globale Geldsystem Teil 3 – Verschuldung und Schuldenkrisen“

  1. Hi Ben, je höher die Schulden, um so besser geht es den Menschen. Wer etwas anders behauptet verschließt sich der Realität.
    Das schreibt Dir jemand der nicht fünfzehn aber 50zig ist.
    Morituri

    1. Und welche empirische/theoretische Evidenz kannst Du für diese Behauptung anführen?

      Mathematisch muss ich nur ein ein Gegenbeispiel finden, um Deine sehr allgemeine These zu widerlegen: Griechenland.

      Zugegeben, Griechenland und die Eurozone haben noch viel weitergehende Probleme, als Überschuldung, aber nichts desto weniger hat Griechenland zuviele Schulden und den Menschen dort geht es alles andere als gut.

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