Unity und ich

Ich schreibe diesen Blogpost auf einer Classic Ubuntu 11.04 Sitzung, nachdem ich Unity zwei Monate lang dem Realitätstest unterzogen hatte. Ich habe unter Unity normal gearbeitet, alltägliche Aufgaben wie Surfen, E-Mails lesen, Dokumente erstellen, Videos schauen und Musik hören. Im großen und ganzen unterbricht Unity diese Aufgaben nicht sondern hält sich im Hintergrund. Auch die Umstellungen, wie auf ein globales Menü sind nicht das Problem. Die kleinen Dinge sind es allerdings, die Unity für mich nicht benutzbar machen. Ich bin auf einen klassischen Gnome 2 Desktop zurückgekehrt und hoffe, dass Gnome 3 mit Oneiric stabil läuft. Vielleicht werden auch die Fehler, Bugs und Nervigkeiten von Unity bis Ubuntu 12.04, immerhin eine LTS-Version ausgebügelt, sodass es für mich benutzbar wird. Unity hat – wie die Gnome-Shell – sehr gute und innovative Konzepte und es ist generell richtig heutzutage die althergebrachten Desktopparadigmen in Frage zu stellen und gegebenenfalls über Bord zu werfen. Ich bin Canonical auch gar nicht „böse“, dass Unity bereits in Natty der Standard-Desktop ist. Wären die Nutzer – wie ich – nicht mit Unity konfrontiert worden, gäbe es wohl kaum soviel Feedback. Was mich vielmehr stört, sind die „Unity stinkt“-Artikel, die „Canonical ist böse“-Posts und die „Echte Linux-User verwenden sowieso nur das Terminal“-Beiträge. Ganz im Gegenteil, Canonical hat mit Ubuntu das geschafft, was Red Hat, Mandriva, Fedora, Suse und Debian vorher nicht geschafft hatten: Eine (weitestgehend) einfach zu bedienende, optisch ansprechende und dennoch mächtige Linux-Distribution zusammenzustellen. Canonical gebührt deswegen konstruktive Kritik, ehrliches Feedback und Lob wo es angebracht ist. Flamewars und Getrolle hilft niemandem, am wenigsten der Freien Software.
Im folgenden nun meine konstruktive Kritik:

Global Menu

Prinzipiell ist das Global Menu eine recht gute Idee, um Platz zu sparen, aber es irritiert mich, dass die Menüeinträge nicht ständig sichtbar sind, wie unter Mac OS X (zumindest soweit ich mich an meine zwei Wochen Mac-Dasein erinnere…). Es wird allerdings immer etwas komisch bleiben, wenn ein Fenster nicht den gesamten Bildschirm einnimmt, dass die Menüs optisch und damit auch strukturell von der Anwendung getrennt sind. Das erste ist vermutlich nur die Sache der Implementierung und einfach zu bewerkstelligen. Das zweite ist ein Resultat des Konzepts von Global Menu. Ich würde es begrüßen, wenn die Menüs entweder in der Titelleiste einer Anwendung untergebracht werden (entsprechende Mock-Ups kursieren im Netz) oder aber in einem Menü-Button aufgehen, ähnlich wie im neuen Firefox oder Chrome. Diese letzte Option hat den Charme, dass man sich als Entwickler eher über die Notwendigkeit eines Menüeintrages Gedanken machen muss. Das könnte zur Entrümpelung der Menüs beitragen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht eine unnötige UI-Einschränkung für mächtige Anwendungen, wie LibreOffice, Gimp, Inkscape, Scribus, Blender, Ardour, usw. Vielleicht würde eine doppelte API-Struktur, sowohl für herkömmliche Menüs (in der Titelleiste) als auch für Menü-Buttons sinnvoll sein. Aber das wird im aktuellen Entwicklungszyklus nichts mehr. Mit Ubuntu 12.10, das traditionell ein eher experimentelles Release werden wird, könnte man sich allerdings mit solchen Themen befassen.

Indicators

Eines vorweg: Ich liebe Indicators! Aber die Implementierung in Unity ist so seltsam, dass es keinen Spaß macht, sie zu benutzen. Vielleicht ist es ein Bug nur auf meinem System, aber einige Indicators reagieren manchmal nicht, erst das Anklicken eines anderen (z.B. des Me-Menüs) und dann den Mauszeiger zum eigentlich gewünschten Indicator bewegen, bringt das Menü zum Vorschein. Das ist einfach nur nervig und vor allem nicht reproduzierbar. Unter Classic Ubuntu tritt der Fehler nicht auf. Da es noch keinen entsprechenden Bugreport bei Launchpad gibt, werde ich mal einen einstellen.

„Invisible Window“-Bug

Oh, der berüchtigte „Invisible Window“-Bug. Ein ganz seltsames Ding. Das scheint aber an Compiz zu liegen, wenn man den Bugreport liest. Am geschicktesten wäre wohl hier, das Compositing nicht Compiz anzuvertrauen, sondern es von Unity selbst erledigen zu lassen. Ob das mit der angekündigten Umstellung auf Wayland noch was wird? Für mich ist es eigentlich DER Showstopper in Unity. Auf ein Fenster zu klicken und dabei die Funktion eines anderen Fensters auszulösen… Ich weiß, dass es ein Bug ist, aber im Netz nennt man so etwas Clickjacking und es gibt Tools, um sich davor zu schützen. Wie schnell hat man aus Versehen eine wichtige eMail gelöscht oder unwissentlichen einen Haken gesetzt, wo man besser keinen gesetzt hätte.

Lenses

Die Lenses sind ein tolles Konzept. Aber irgendwie inkonsequent. Ich als Terminalbenutzer habe kein Problem damit den Namen eines Programms in die App-Lens einzutippen und mich darüber zu freuen, dass ich schnellen Zugriff darauf habe. Warum funktioniert das nicht auch bei Ordnern? Einige Ordner werden angezeigt, wenn ich beginne den Namen zu schreiben. Andere nicht. Ich habe kein Muster erkennen können, was einen Ordner dazu bringt aufzutauchen bzw. was einen Ordner dazu bringt eben nicht aufzutauchen.

Der KDE-App-Bug

Setzt man KDE-Anwendungen ein, z.B. Akregator, dann verschwindet manchmal das Global Menu. Dieses Verhalten tritt auf, wenn man die betroffene KDE-Anwendung mit (X) in das Systray minimiert und dann von dort aus wieder aufruft. (siehe Bugreport). Ich hoffe dieses Verhalten wird für Oneiric behoben sein.

Das Systray

So genial die Indicators auch sind, deswegen das Systray für alle bis auf ein paar privilegierte Anwendungen zu sperren ist einfach nur eine Designfehlentscheidung. Ich weiß wie man das rückgängig macht und ich habe auch keine Angst vor Dconf, aber ich bin da nicht unbedingt repräsentativ. Ich verstehe die Absicht Canonicals die Systrayüberladung einzudämmen, aber wie auch in der Politik gilt hier, dass willkürliche Verbote mit willkürlichen Ausnahmen schlecht sind. Glücklicherweise sind Programmregeln deutlich einfacher zu implementieren als gewisse Politiken. Man könnte z.B. den Anwender fragen ob er es zulassen möchte, dass ein Programm im Systray auftaucht, wenn es sich installiert. Mit der Zeit bekommt man dann eine eigene, individuelle Liste an Systray-Symbolen, die man wirklich braucht.

Fazit

Unity ist ein notwendiger und richtiger Schritt hin zur Vereinheitlichung des klassischen mit dem mobilen Desktop. Es ist richtig von Canonical hier ein Ubuntu-Alleinstellungsmerkmal zu schaffen, dass modern, schlank, funktional und schick ist. Auch ist es richtig die Community früh damit zu konfrontieren. Aber angesichts der Bugs, die ich oben beschrieben habe – meiner Ansicht nach Showstopper – halte ich Natty für ein Release zu früh. Viele Benutzer haben sich von Unity abgewandt und werden wohl nicht zurückkehren oder Ubuntu vielleicht ganz den Rücken kehren. Ganz wie bei KDE 4.0. Ja, wer Stabilität will, sollte die LTS-Version wählen, aber zwischen Stabilität und Unreife liegen Welten. Unreife Software wird in den Alphas und Betas glattgebügelt. Und erst wenn sie reif ist, sollte sie in die Hauptveröffentlichung kommen. Dann wird die Software poliert, damit Sie stabil genug für die LTS ist. Hier liegt das Versäumnis: Unity ist nicht mehr instabil, aber auch noch nicht reif für eine reguläre Veröffentlichung, geschweige denn LTS. Es hätte sowohl der Software Unity als auch seinem Ansehen besser getan, wäre es als Option in Natty und nicht als Standard gewesen. Ich bin sicher Canonical lernt aus diesem Fehler. Unity hätte es verdient.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.