Sind unsere Parlamente verzerrt?

In meiner Statistik- und Ökonometrievorlesung reden wir ziemlich viel über mögliche Fehlerquellen der empirischen Analyse – von technischen und auch von handwerklichen Verzerrungen. Beim Diskutieren darüber mit meinen Kommilitonen stellte sich mir die Frage, ob die Parlamente einer repräsentativen Demokratie nicht von vorne herein unter einer Verzerrung leiden. Nicht (nur) weil dort zu viele Lehrer, Juristen und Gewerkschaftsfunktionäre sitzen, sondern wegen der Auswahlverzerrung oder Selection Bias.

Auswahlverzerrung entsteht, wenn man statt der Gesamtheit nur eine bestimmte Teilgruppe der Gesamtheit zu Stichprobe heran zieht. Offensichtliche Auswahlverzerrung wäre beispielsweise nur Studenten zu Studiengebühren zu befragen und das Ergebnis dann auf die Allgemeinheit aller Deutschen zu übertragen. Wohlgemerkt wäre es keine Auswahlverzerrung, wenn nur die Gesamtheit der Studenten befragt werden soll. Oft ist Auswahlverzerrung aber nicht so leicht festzustellen.

Nun tritt Auswahlverzerrung womöglich auch bei der Zusammensetzung der Parlamente auf. Denn diese werden aus einer Teilgruppe der Bevölkerung mit passivem Wahlrecht zusammengesetzt, die über ein gewisses Merkmal verfügen – den Willen zur Repräsentation und Mitgliedschaft in einer Partei. Nur Menschen, die politisch Repräsentieren wollen und sich parteipolitisch engagieren, stellen sich überhaupt zur Wahl. Damit wird also eine Vorauswahl getroffen und die Stichprobe der Kandidaten ist auswahlverzerrt und womöglich nicht mehr repräsentativ. Blöd für die Bildung repräsentativer Parlamente.

Nun bleibt die Frage, ob die Verzerrung schlimm ist. Sie ist schlimm, wenn die Menge der Kandidaten nicht dieselbe Verteilung aufweist, wie die Gesamtbevölkerung. Leider habe ich nirgends die Landeslisten der Parteien samt Berufsbezeichnungen finden können, um die eine mögliche Verzerrung zu prüfen. Weiß jemand wo es diese Listen geben könnte?

Ein weiteres (statistisches) Problem der Verzerrung ist, dass im Bundestag eine ganze Menge Abgeordnete sitzen, die bereits in den vorangegangenen Legislaturperioden Abgeordnete waren. Also sollte die Wahrscheinlichkeit in den Bundestag gewählt zu werden, bedingt auf den Status als Mitglied des Bundestages deutlich höher sein als für Nicht-Abgeordnete. Das stellt kein Problem dar, wenn die Repräsentationsfähigkeit eines Abgeordneten unabhängig von der Länge seiner Parlamentsmitgliedschaft ist. Oder anders gesagt, wenn seine Ansichten und Meinungen noch repräsentativ sind. Eine, wie ich finde, unrealistische Annahme.

Nun bleibt als letztes die Frage, ob wir überhaupt vollständig repräsentative Parlamente haben wollen, oder ob nicht einigermaßen unabhängige Abgeordnete besser sind, weil sie dem Volk nicht sofort nach dem Mund reden. Das ist wohl eine moderne Form des römischen Gegensatzes von Optimaten und Popularen. Im Lateinunterricht fand ich die eher technokratischen Optimaten irgendwie immer sympathischer — den demokratischen Defiziten war ich mir damals wohl noch nicht so bewusst.

Wenn es also ein Problem mit auswahlverzerrten Parlamenten gibt und es dafür sorgt, dass die Repräsentativität eingeschränkt ist, muss man dann etwas ändern? Oder ist es in Ordnung? Falls es nicht in Ordnung ist und man Änderungsbedarf sieht, welche Möglichkeiten gibt es dann? Man könnte das Extrem nutzen und den Bundestag per Zufallsziehung aus der Bevölkerung mit passivem Wahlrecht zusammensetzen. Bei einer genügend hohen Anzahl an Abgeordneten wären zumindest die technischen Verzerrungen per Konstruktion ausgeschlossen. Das funktioniert aber nicht mehr so gut, je kleiner das Parlament ist. Selbst der größte Landtag in Deutschland (Nordrhein-Westfalen) ist wohl schon zu klein, um eine Abgeordnetenzahl zu haben, die „nahe genug bei unendlich“ ist. Auch stellt sich dann die Frage, ob das betreffende Parlament nicht zu populistisch wird — aber das ist kein statistisches Problem.

Die Grünen in Baden-Württemberg schlagen einen anderen Weg vor — zumindest für die Kommunalwahlen. Parteien, deren Liste nicht geschlechtsmäßig ausgeglichen ist, sollen nicht zur Wahl antreten dürfen. (Quelle: http://www.swr.de/nachrichten/bw/-/id=1622/nid=1622/did=9726098/7jbl7e/index.html) Wie das aber die Demokratie und die Repräsentativität stärken soll sehe ich nicht. Quoten sind zwar zumindest technisch geeignet, die Verzerrung aufzuheben, aber zum Preis der Beschränkung des passiven Wahlrechts bestimmter Personen. Ein Preis, der Demokraten zu hoch sein sollte, um den grünen Vorschlag auch nur in Erwägung zu ziehen.

Was meinst Du? Ist es schlimm, wenn unsere Parlamente verzerrt sind? Wie würdest Du es ändern? Ich freue mich auf Deine Kommentare.

Veröffentlicht von

Benjamin

Bloggt über Wirtschaft und Politik. Nimmt Ordnungspolitik ernst. Promoviert über Währungsunionen. Blogs about Economics and Politics. Takes Ordnungspolitik seriously. Studies monetary unions for his doctorate.

6 Gedanken zu „Sind unsere Parlamente verzerrt?“

  1. Die Bewertung der Verzerrung hängt sehr von dem Begriff ab. Sollte das Parlament überhaupt im Sinne einer Stichprobe zusammengesetzt sein. Wenn dem nicht so ist (was ich annehme) erübrigt sich die Frage der Verzerrung. (Manchmal beschleicht mich der Verdacht der Bedeutung [2]).

    Nehmen wir trotzdem an statistische Repräsentativität wäre wünschenswert, das Parlament wiche in seiner Zusammensetzung vom Bevölkerungsdurchschnitt ab. Dies wäre ansich kein Problem, sofern die Handlungen/die Gesetzgebung des Parlaments die selben wären (oder zumindest ähnlich). Stellt sich die Frage, welcher Mechanismus dazu in der Lage ist.
    Dass dies schon der Fall wäre kann ich mir nicht so recht vorstellen, vielleicht könnten fakultative Referenden darauf hinwirken (wenn das Tag schon Populismus ist:).

    1. Hallo causb,

      Danke für Deinen Kommentar.

      Du hältst also ein Parlament, das „repräsentieren“ kann für besser als ein „repräsentatives“ Parlament? Oder verstehe ich Dich da falsch?

      Der Deutsche Bundestag ist die Volksvertretung der Deutschen. Als solche sollte er schon repräsentativ sein, während die Repräsentierfähigkeit nur nebensächlich sein sollte. Aber das ist imho eine normative Frage.

      Positiv hast Du recht, dass eine Verzerrung genau dann nichts macht, wenn die Gesetzgebung dieselbe ist. Das ist ein schönes theoretisches Argument. Aber wir kennen das Counterfactual eines tatsächlich statistisch-repräsentativen Bundestags nicht und können keinen Vergleich anstellen. Ich halte aber aus polit-ökonomischer Überlegung heraus die Hypothese der gleichen Gesetzgebung für nicht haltbar. Dafür haben die Abgeordneten zuviel Eigeninteresse.

      Was meinst Du mit „wenn das Tag schon Populismus ist“ ?

  2. Hallo Benjamin,

    ich denke, dass der Deutsche Bundestag nicht repräsentativ sein kann, nicht im Sinne einer Zufallsstichprobe aus der Bürgergrundgesamtheit. Noch sehe ich, dass er dies ein sollte; sonst hätte Karsruhe schon längst das Losverfahren zur Mandatsverteilung anordnen müssen.
    Somit erübrigen sich Überlegungen zur (statistischen) Verzerrung.

    Was aber nicht die Frage nach dem Einfluss von bestimmten Berufsgruppen, knapp die Hälfte der Mandatsträger ist in ihrem Beruf direkt oder indirekt vom Staat abhängig (1+1.2.1+1.2.3+2.2.1), ausschließt. Nur sehe ich das nicht als Frage der statistischen Repräsentativität.

    Der Rest meines Kommentars stand unter der Annahme, dass ein statistisch repräsentativer Bundestag zu Ergebnissen/Gesetzen führen würde, wie sie auch die Grundgesamtheit liefern würde. Anders kann ich mir keinen Reim auf deine Erörterungen machen.
    Der oftmals als populistisch verschriene Ansatz(insofern passend zu dem Tag was du für einen Beitrag gewählt hast) dem Volk/den Bürgern die Möglichkeit zu geben per Referendum über die Ergebnisse des Parlaments abstimmen zu lassen erschien mir als eine Möglichkeit die Verzerrung zu korrigieren. Und ich bin auch der Meinung, dass ein solches Verfahren die Probleme durch eine sich verselbständigendes politisches Establishment mindern könnte.

    Ich hoffe das hat ein paar Unklarheiten beseitigt.

    1. Mir geht es nicht um die Verfassungsmäßigkeit des Bundestags, sondern um eine – akademische – Frage, ob ein statistisch repräsentatives Parlament andere Entscheidungen treffen würde als ein „Eliten“-Parlament.
      Ich glaube nicht, dass Referenden den selben Effekt hätten. In Parlamenten wird anders diskutiert als an Stammtischen. Das liegt an der gehobenen Stellung des Parlaments, dass auch dem letzten Pöbler eine gewisse Portion Respekt abverlangt. Und dann gibt es noch eine Geschäftsordnung, die ein Stammtisch nicht hat. Von daher wird eine parlamentarische Debatte immer zivilisierter, zielführender und rationaler geführt werden als eine Stammtischdiskussion der selben Leute.
      Die Frage der (Un)Abhängigkeit der Abgeordneten hat in der Tat mit der Repräsentativität nichts zu tun. Wohl aber mit dem Selection-Bias, dass jemand Abgeordneter wird, der schon Abgeordneter ist. Ob das den Grundsatz der gleichen Wahl verletzt?

  3. Ich stelle mal eine ketzerische Frage: Sind für die Arbeit als Abgeordneter nicht bestimmte Fähigkeiten hilfreich wie z.B. „Lesen“, „abstraktes Denkvermögen“, „Selbstorganisation“? Sind diese Fähigkeiten in der Gesamtheit in genügendem Ausmaß verteilt, dass ein “repräsentatives” Parlament arbeitsfähig wäre? Aus meiner Erfahrung als Assistent an einer deutschen Universität kann ich sagen, dass ich mir schon bei der Gruppe der Studenten unsicher bin, ob die Fähigkeiten zur Genüge ausgeprägt bzw. verteilt sind…

    1. Das provoziert eine weitere ketzerische Frage: Haben die Parteisoldaten in den Parlamenten denn besagte Fähigkeiten? Zumindest beim abstrakten Denkvermögen bin ich mir bei einigen da nicht so sicher – quer durch alle Fraktionen, wohlgemerkt.

      Im Kern hältst Du eine gewisse Elitisierung der parlamentarischen Repräsentation also für notwendig, da – pardon – das gemeine Volk zu blöde dafür ist. Das ist aber wieder die Repräsentierfähigkeit und nicht die Repräsentativität. Allerdings werden Abgeordnete nicht nach diesen Kriterien ausgewählt sondern eben von Parteien in selten nachvollziehbaren Ritualen aufgestellt und dann entsprechend ihrer Farbe gewählt. Die Fähigkeit zur Repräsentation (nicht der Wille dazu) ist dabei aber nicht garantiert.
      Ich bin mir nicht sicher, ob Repräsentierfähigkeit und Repräsentativität unbedingt negativ korreliert sind. Ich würde eher auf unabhängig tippen. Und soo doof ist der Durchschnitts-Deutsche auch nicht. Zumindest nicht viel blöder als der Durchschnittsabgeordnete.

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